Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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3u 5. Göbels Huffalj über IJolländifche
dandteppich-Manufakturen
Von Dr. JOHN BÖTTIGER-Stockholm

In IJeft 22 der 3eitfd)rift „Cicerone“ 1922 bat IJerr 5. Göbel einige auf ard)ivalifd)e ünter-
fudbungen geftüfete Mitteilungen über holländifche ttlandteppich - Manufakturen gemacht und
dabei auch verfchiedene Einzelheiten berührt, die für die fchwedifche Staatsfammlung, deren
Gefcbicbte ich gefchrieben1, von Intereffe find. diffenfchaftlich am widjtigften wäre es natürlich,
wenn die genannten Onterfuchungen zu einer näheren Beftimmung der in der erften FJälfte des
17. Jahrhunderts in Amfterdam angefertigten dandteppiche führen könnten. Der VerfafTer hat
denn auch verfud)t, dem in Hmfterdam arbeitenden Fabrikanten Pieter de Cracht eine, in der unter
meiner Obhut gehenden Sammlung enthaltene, nicht fignierte Suite mit Darftellungen aus der
Ane'ide zuzuweifen. Da jedoch diefe Httribution, wie fogleid) gezeigt werden wird, auf einem
Misverftehen des fd)wedifd)en Cextes in meinem Buche beruht und zudem andere Forfcher auf
Irrwege führen könnte, fo erlaube id) mir hier in größter Kürze folgendes zu bemerken:
Göbel teilt mit, daß de Cracht in einem mit dem Brüffeler Fabrikanten de Raet am 3. Juli 1646
abgefdjloffenen Vertrag es übernimmt, nach von de Raet gelieferten, die Gefd)id)te des Äneas
darftellenden Patronen ebenfo viele dandteppiche anzufertigen. Göbel glaubt nun diefe mit einigen
Ceppichen einer noch in der fd)wedifd)en Sammlung vorhandenen Serie identifizieren zu können
und reproduziert aud) aus diefer nach meiner obenerwähnten Ärbeit einen dandteppid), Venus
und Juno darftellend, wie fie über Didos Liebe zu Äneas ratfchlagen.
In dem von mir veröffentlichten Inventarium über die fchwedifche dandteppich-Sammlung
während der Jahre 1655—16602 kommt in der Cat unter den bei dem Ceppichhändler Arnold von
der PJagen in Stockholm für den fd)wedifd)en Fjof eingekauften Ceppichen aud) eine neun Stück
umfaffende Aneasfuite vor. Sie wird in dem genannten Inventarium ohne weitere Befchreibung
als „mit Gold, Silber und Seide gewebt“ angeführt, in dem nächstfolgenden (1660—1673)3 4 aber
unter der Rubrik: „Ceppiche, gekauft von van derl)agen zum Beilager Seiner Majeftät“ folgender-
maßen erwähnt: Fjiftorie von Äneas und Dido mit Säulen und Laubwerk 9 St. In dem darauf-
folgenden, erft im Jahre 1696 (alfo im Jahre vor dem großen Schloßbrande) aufgeftellten Ver-
zeichnis kommt die Suite nicht vor und kehrt aud) fpäter nicht wieder. Sie ift demnach auf die
eine oder andere deife aus der Sammlung ausgefd)ieden worden.
Schon aus dem CImftande, daß die Suite nach etwa zwanzig Jahren nicht mehr inventarifiert
wird, kann man ja den Schluß ziehen, daß es fich nicht um die noch in der fd)wedifd)en Samm-
lung enthaltenen dandteppiche mit Darftellungen aus der Ane’ide handeln kann. Fjierzu kommt
aber, daß die in den Inventarien enthaltenen Befdjreibungen: „mit Gold, Silber und Seide ge-
webt“ und „mit Säulen und Laubwerk“ die Möglichkeit ausfd)ließen, wie Göbel das tun zu können
glaubt, die de Crad)tfd)e Suite mit der nod) \)eute der kgl. FJauskämmerei gehörigen zu identi-
fizieren. In diefen Geweben kommt nämlich weder Gold noch Silber vor, auch hat kein einziger
Ceppid) etwas aufzuweifen, was aud) nur annähernd zu dem ftimmt, was das Inventarium „Säulen
und Laubwerk“ nennt. Dazu kommt ferner die beftimmte Angabe des Inventariums, daß die
fragliche Ceppichfuite zum „Beilager Seiner Majeftät“ eingekauft worden fei, das heißt zur Ver-
mählung König Carl X. Guftavs mit der holfteinifchen Prinzeffin Fjedwig Eieonora, die im Jahre
1654 ftattfand. Daß eine Verwechflung mit den noch erhaltenen Äneasteppichen nicht hat ge-
fchehen können, wird zur Genüge durch den ilmftand bewiefen, daß diefe letzteren Ceppiche nebft
der obenerwähnten Suite in demfelben Inventarium1 Vorkommen, dort aufgeführt unter der Be-
zeichnung „Reidjsfaalteppiche“, eine Bezeichnung, die fie von dem Lokal her, für welches fie be-
ftellt wurden, erhielten, und die dann bis heute beibehalten worden ift.
Aus dem hier Angeführten dürfte mit voller Evidenz hervorgehen, daß die noch in der fdpwe-
difchen Sammlung vorhandene Aneasfuite nicht diefelbe fein kann, die nach de Raets Patronen
von de Cracht ausgeführt worden ift, und daß pe mithin auch nicht — was das dichtigfte ift — als
ein Exponent der Kunftfertigkeit der genannten Fabrik betrachtet werden kann.
1 Svenska statens samling af väfda tapeter. Stockholm 1895—1898. 4 Bd.
2 Böttiger, a. a. O., II, S. 40.
3 Böttiger, a. a. O., II, S. 54.
4 Böttiger, a. a. O., II, S. 55.

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