Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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denen im Hintergründe ein Gewimmel Auferfteßender ßcßtbar wird. Rechts von ißm
vorn halb Äufgerid)tete und Stehende; der vorderfte von lefeteren erfcßeint in ganz
ähnlicher Stellung, die Arme ausbreitend, wie der Ezechiel des Berliner Bildes, und
wie Hier rechts von diefem ein knieender Jüngling von hinten gefeiten erfcßeint, [o auf
dem Frankfurter Bilde in faft genau der gleichen Stellung und hinter diefem hier
eine Frau, dort ein Mann in anbetender Haltung. Und wie auf dem Frankfurter
Bilde der erfte Stehende rechts [einen Kopf mit dem dichten Haarwuchs genau von
hinten feßen läßt, fo ift das gleiche auf dem Berliner Bilde bei zwei Figuren der Fall.
In den Geftikulationen, den weit ausgreifenden und ßocß erhobenen Armen, ßerrfcßt
viel Ähnlichkeit bis in Einzelheiten hinein. So werden gern Daumen und 3eigeßnger
jeder für [ich abgeftreckt, während die drei anderen Finger gern zufammengehalten
werden, oder es wird auch hier jeder einzelne für [ich abgeftreckt; für beides finden
[ich auf den Vifionsbildern wie auf dem jüngften Gericht zahlreiche Beifpiele.
Gern füllt Uffenbacß die Bilder fo, daß an den feitlicßen Rändern durch den Rahmen
Feile von Figuren abgefchnitten werden; fo auf der Kreuzigung der Holzhaufen-Samm-
lung; fo auf dem Frankfurter Vifionsbilde derartig, daß links [ich auf die Schulter
der erften Frau die Hand einer unficßtbar bleibenden Figur legt, und auf dem Berliner
Bild an der gleichen Stelle ebenfo die erhobene Hand einer unfichtbaren Figur ficßtbar
wird. Sonftiges kommt hinzu; wie die Geftalten auf den näher zufammengehörenden
Bildern aus der Erde ßerauswacßfen, wie die Skelette des Berliner Bildes oder die
bekleideten Föten des jüngften Gerichtes diagonal in das Bild hineinliegen und wie
überall in der Mitte des Hintergrundes Architektur gegeben wird.
Dazu ftimmt das Koloriftifche, von dem nur kurz die Rede fei: hellweißliche Carna-
tion bei den Frauen und den leid)f etwas puppenhaft geratenen Köpfen, bräunliche bei
den Männern; in der Gewandung gern ein [chwaches Rofa bei filberig-grauer Gefamt-
haltung. Ulenn auf dem Berliner Bilde der Himmel rofa ift mit gelblichem Mittelftück,
die wie Rauch auffteigenden dunklen Ulolken mit hellen Rändern plaftifcß gebildet
find, fo ift auch die Vorliebe für folche Lichtaffekte und diefer Art der CUolkenbildung
durchaus cßarakteriftifcß für Uffenbacß, der wohl ßark unter fremder Einwirkung, vor
allem Venedigs, fteht.
Nach allem können wir wohl in dem Berliner Bilde ein neues (Uerk Uffenbacßs be-
grüßen. (Die es zeitlich und in das nicht große Gefamtwerk des Künftlers einzuordnen
wäre, darüber könnte nur im 3ufammenßang feines ganzen Schaffens geredet werden,
wozu [ich an anderer Stelle Gelegenheit finden wird. Doch fei wenigftens erwähnt,
daß der Frankfurter Kunftfcßriftfteller Hüsgen noch 1790 zwei tüerke Uffenbacßs
von 1602 in der Dominikanerkirche fah, die feitdem verfcßollen find. Aus welchem
Grunde am unteren Rande des Bildes ein etwa 4 cm hoher Streifen unbemalt gelaffen
ift, wodurch der rechte Fuß der Liegenden abgefchnitten ift, ift nicht klar.

tü i 1 ß e 1 m ülagner

Von WILLI WOLFRADT / Mit
zehn Abbildungen auf fünf Tafeln

Unfer didaktifches 3eitalter, deffen an [ich bereits didaktifches Kunftfcßaffen durch
eine didaktifeße Kunftbetracßtung in diefer feiner Programmatik und Lehr-
tendenz noch beftärkt wird, begeht eine seltfame Ungerechtigkeit gegen feine
eigene Fruchtbarkeit: die Ungerechtigkeit nämlich gegen das UJertvolle ohne auffällige
Befonderßeit der Abfichten, gegen die rätfellofe Erfreulichkeit. Ohne 3weifel liegt in
der tßeoretifcßen Hochspannung und feßöpferifeßen Unruhe der Gegenwart das 3eugnis
ißrer geiftigen Lebendigkeit; und es ift woßl zu verfteßen, daß in diefer Disput-Atmofpßäre
das irgendwie (und auch im Sinne der Fragwürdigkeit) Problematifcße die Gemüter
meßr befcßäftigen muß als das zweifellos Gekonnte und fcßlechtßin Feine, das die Arena
der modernen Aktualitäten meidet. Aber dem kritifeßen Betrachter, mag auch gerade

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