Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Die reinfte Monumentalität, die Brücke der künftlerifchen HIefensäußerung vom
Primitiven zur lebenswarmen, zügelloferen Gefühlswiedergabe, weld) er[tere von dem
Romanifcßen bis in die Gotik ßineinragt, fehlt in Böhmen, denn die HIerke diefer
Epocße pnd größtenteils zugrunde gegangen. Von jenen aus der 3eit vor etwa 1370
— gefcßweige der romanifdjen Epoche — ift bisher faft nichts, von jenen aus der 3eit
vor etwa 1420 nur fepr wenig bekannt. Bei letzteren handelt es pd) meift um Attri-
bute an Cürmen, Stein- oder Kalkfdpeferftatuen in Kirchen1, welche während der
Fjufptenwirren, Kriege und Fehden, von denen Böhmen peimgefud)t wurde, verfcßont
blieben; es ift dies die 3eit der zweiten Fjälfte des 14. Jahrhunderts, jene Karls IV.,
des Baues des St.-Veits-Domes am Fjradfchin, der Karlsbrücke, der Kirche am Karlov
u. a. Denkmale in Prag.
HIas noch erhalten blieb, ift bereits meift vom Fortfehritt der Entfaltung einer an
Stelle des ftreng fakralen Stils tretenden, intimeren, mitteilungsreicheren Realiftik be-
rührt. Nur von ßier aus kann die bößmifcpe Bildßauerkunft fyftematifch in ihrer Ent-
wicklung verfolgt werden, die dann in der wladislawfcßen Periode (1471—1516) den
Gipfel eigenfter Stilentfaltung erreicht2. Der 3wang diefes ümftandes ift zwar hart,
aber mit Fjinpcßt auf das äußerft HIenige, das für die frühe bößmifcpe Kunft von
feiten der Kunftwiffenfcßaft bisher getan wurde, bleibt noch ein weites, fruchtbares Feld,
das, heute noch unbebaut, feiner Beftellung harrt.
Die fdjlafende Bauersfrau des Efaias Bourffe

Mit einer Tafel


Die HIerke diefes h°Uändifchen Genremalers gingen früher vielfach unter den
Namen eines Pieter de Fjooch und fogar des Vermeer van Delft, bis pd) die
Perfönlicpkeit und Fjerkunft des Künftlers an Band gepcperter und bezeicpneter
Arbeiten klarer erkennen ließ. Überdies fcpeint es zwei Maler des gleichen Namens
(C. und E.) gegeben zu haben, die höchftwahrfcheinlich Gefchwifter und Söhne des
Jacques Bourffe aus Valenciennes und deffen Gattin Anna de Fore aus Avienne bei
Mons gewefen fein dürften, über die der Nachtragsband des 6Qurzbad}fd)en Künftler-
lexikons Näheres berichtet. Efaias ift jedenfalls am 4. März 1631 in Amfterdam ge-
boren und hier in den Jahren 1656—1672 als Maler nachweisbar. Er fcheint in diefer
3eit auch in Italien gewefen zu fein und ftand in den Dienften der oftindifchen Kom-
panie, für die er 1672 nach Indien ging, wo ipn am 16. Nov. des Jahres der Uod
überrafchte.
Ähnlich wie der „Junge mit Seifenblafen“ im Berliner Mufeum feinerzeit mit der
Sammlung Suermondt als Vermeer erworben wurde, fo ift das hier reproduzierte Bild
aus dem Beptj der Bacbftitj-Galerie, das 1892 mit der Kollektion öd. Burger-Chore
verkauft wurde, einmal dem gleichen feltenen Meifter zugefdjrieben und von HI. Burger
1866 in der „Gazette des Beaux-Arts“ als Vermeer veröffentlicht worden, eine 3u-
fchreibung, die uns heutigen freilich durchaus unverftändlid) erfd)eint, obwohl damit
die hervorragenden malerifchen Qualitäten des Bildes keineswegs in 3weifel gezogen
werden füllen. Im Gegenteil: Die Art, wie auf diefem Bilde aus Hieiß (Kopftuch und
Schürze der Frau), Rot (Blufe) und einem feinen Graublau des Rockes der beftimmende
malerifche Akkord um die Figur der Schlafenden fchwingt und wie diefe Melodie in einen
warmen goldgelben Gefamtton eingebettet ift, beweift die befte Cradition jener Genremalerei,
die pch gleichmäßig um die beiden Pole Rembrandt und Vermeer bewegt. Biermann.
1 Siebe II. Ceil meines Artikels, Äbb. 1.
2 Für die Gefd)id)te der gotifcben Bildnerkunft in Böhmen bilden die noch unerkannten, außer-
halb des Landes beßndlicben lüerke böbmifcber Herkunft äußerft wichtige Faktoren, deren be-
gründende Feftftellung von berufener Seite als wefentlidjer Fortfchritt zur Erhellung diefer größten-
teils unerforfchten Richtung wärmftens zu begrüßen wäre.

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