Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Hufgaben und Methode europäifdjer Forfdjung


Von CURT GLASER

Die Frage nad) Aufgabe und Methode europäifcher Forfd)ung auf dem Gebiete
oftafiatifcher Kunft ließe fid) bequem dahin beantworten, daß Aufgabe der For-
fchung immer nur eine, und ihre Methode auf allen Gebieten ihrer Betätigung
die gleiche zu fein habe» mit anderen LLIorten, daß der gefamte gelehrte Apparat von
Quellenforfdjung und Stilkritik aus Europa nad) Afien zu übertragen fei, fofern eine
Forfcßung, die den Namen der Lüiffenfd)aft für fid) in Anfprud) nehme, fid) dem Ge-
biete oftafiatifcher Kunft nähern wolle. Diefe fcßeinbar feßr einleuchtende Forderung
muß jedoch ebenfo an äußeren wie an inneren Schwierigkeiten der anders gearteten
Materie fcheitern. An äußeren darum, weil die Schwierigkeiten der Sprache und Schrift
immer ein unüberfteigliches ßindernis bilden werden. An inneren, weil die Mittel ftil~
kritifcher Vergleichung, auf die fiel) die Bilderattribution in Europa ftüfet, auf das oft-
afiatifche Cufd)bild nicht anwendbar find. CInfere Vorftellung von der originalen fjand-
fdjrift der großen Meifter der Sung-Dynaftie ift viel zu lückenhaft, um ein ernftl)aftes
LIrteil über die 3ufd)reibung einzelner LLIerke zu begründen. Man wird die zahlreichen
Kopien, die mit berühmten Namen bezeichnet find, auf Grund ihrer geringen Qualität
abzulehnen vermögen. Aber es kann nur ein Lächeln erregen, wenn Pfeudokenner-
fchaft fid) vermißt, über die Berechtigung traditioneller 3ufd)reibungen altüberlieferter
Meifterwerke, womöglich auf Grund von Abbildungen ein kritifd)es LIrteil abzugeben.
Methoden, die im Bereiche der LLIiffenfd)aft von europäifcher Kunft fid) wohl be-
währt haben, erweifen fid) dem europäifd)en Forfd)er, der das Gebiet oftafiatifcher
Kunft betritt, als unanwendbar. Lind wenn gerade der Kenner des Oftens fid) des
alteingewurzelten europäifchen Kulturhochmutes zu entäußern gelernt hat> fo follte er
fid) nicht fd)euen, bei den durch Tradition und Übung des Auges berufenen japa-
nifd)en Ceemeiftern in die Schule zu gehen, um ihnen die Methode der Anfd)auung
und Beurteilung öftlidjer £ufd)bilder abzulaufchen.
Aber nicht die Frage, in welchem Grade das möglich fei, fteht zur Erörterung. Die
Möglichkeit, daß ein Europäer ganz in der fremden Kultur auf ginge, kann zugegeben
werden, wie es Japaner gibt, deren Streben es ift, fid) an der europäifchen Kunft-
forfchung zu beteiligen. Ein folcher Austaufd) der Kräfte führt zu keiner Bereicherung.
Dem Buche eines Japaners über Botticelli wird um fo weniger fpezißfd)e Bedeutung
zukommen, je ftrenger es der europäifchen Methode fid) anfd)ließt, und genau fo darf
es nicht das 3^1 einer deutfd)en Monographie etwa über Seffhu fein, das Buch eines
Japaners zu erfetjen.
So kann die Methode, die zur Diskuffion fteht, nicht die europäifche fein, weil fie nicht
anwendbar, und nid)t die oftafiatifd)e, weil fie nid)t nutzbringend wäre, und es erhebt Jld)
die Frage, was denn auf anderen (Liegen als diefen beiden erftrebenswert und erreichbar fei.
Erftrebenswert ift zunächft und vor allem wie im Mufeumswefen fo im Bereid)
wiffenfd)aftlid)er Bearbeitung die Befreiung der Kunft aus der Verbindung mit der
Ethnologie. Gewiß kann die Kunftgefd)id)te ebenfowenig der Kenntnis der kulturellen
Vorausfejzungeri wie die Ethnologie der Kenntnis der künftlerifd)en Lebensäußerungen
entraten. Ift das religiöfe Bedürfnis eine der üriebkräfte künftlerifchen Schaffens, fo ift
insbefondere enge Vertrautheit mit den Formen des Glaubens und des Kultus notwendig
für das Verftändnis des Bildwerks. Aber Vorausfetjung für feine fpezißfehe Deutung
ift nid)t Kenntnis der Sprache und Sitte, fondern Vertrautheit mit den Problemen
formaler Geftaltung überhaupt. Der Kunftforfd)ung wird zur I)ilfswiffenfchaft, was der
Ethnologie im Mittelpunkte des Intereffes ftehen muß. Lind an diefer Stelle wird die
materielle Schwierigkeit in der reftlofen Bewältigung oftafiatifcher Sprachen entjeheidend,
D«r Cicerone, XV. jaljrg., l)efl 6 14 245
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