Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Sammlungen
Vom Stuttgarter Sdjloßmufeum
Cüie in anderen ehemaligen deut[d)en Repdenz-
ßädten ift auch in Stuttgart das Schloß Mu-
feumszwecken dienftbar gemacht worden. Di-
rektor Dr. Bucggeit hat es bei der Einrichtung
der ihm vorerft überlaffenen Repräfentations-
räume klug und gefcgmackvoll vermieden, fie
zu Mufeumsfälen im eigentlichen Sinne umzu-
wandeln. Er fab [eia 31el in erfter Linie in der
ülahrung des Charakters des Schloßinnern. Und
diefer Grundfag hat in Verbindung mit einem
feiten fieberen Empfinden für dekorative (Ilir-
kungen einerfeits und für die Ausprägung be-
ftimmter.die jeweils vorhergehende 3eitgeßmmng
widerfpiegelnder Gefammtftimmungen anderer-
feits eineFolgevonRäumen gefchaffen,die dieGe-
fchichte des Schloffes, feiner Bewohner und der
ganzen 3eit, in der das Repdenzfcgloß Mittelpunkt
des Landes war, in eindrucksvoller und überaus
kennzeichnender Form vor Äugen führen. Mehr
noch als die Kunft des Gruppierens und des 3u-
fammenftimmens verdient Bewunderung die Kunft
des tüählens, die alles 3nfällige und Über-
flüfpge beifeite fegob, aber alles irgend (Uefent-
licge und Bedeutungsvolle auszulefen und am
rechten Plage zu verwerten wußte. Sie hat auch
unter jenen Sammlungsbeftänden gewaltet, die
es im Schloß in erfter Linie neu unterzubringen
galt, den Majoliken und dem Porzellan. Nur
das Befte von allem Vorhandenen ift dort aus-
geftellt worden; von den Majoliken fogar nur
etwa der vierte Ceil, rund 200 Stücke. Für die
ebenfalls in den neu hergerichteten Räumen auf-
zuftellenden Beftände der alten Kunftkammer
war beftimmungsgemäß größere Vollftändigkeit
der Vorführung geboten; doch hat die Ärt ihrer
Verteilung und Gruppierung die Gefahr diefer
Vorfchrift völlig unwirkfam machen können. Der
wohnliche Eindruck der Räume hat nirgends
Schaden gelitten. Er hat eher gewonnen durch
die gefchickte Anordnung der Dinge im Raum
felbft oder in wenigen, entweder gleich zu ihm
paffend vorhandenen oder ihm mit einfachen
Mitteln angepaßten Vitrinen, wo fie, anregend
wechfelnd und immer anziehend aufgeftellt, zum
Verweilen und zur Befcgäftigung mit den zum
Ceil überaus koftbaren, vielfach einzigartigen
Kunftfcgägen einladen, die die Fürften von Fjerzog
Friedrich I. an zufammenbrachten. tlnd es ift

ganz merkwürdig, wieviel die Dinge bei einer
durchaus nicht im landläufigen Sinne mufeums-
mäßigen, aber von viel liebevollem Verftändnis
für die Schönheiten jedes einzelnen Stücks be-
ftimmten Aufstellung an Reizen und CCIerten
offenbaren und wie fie trog der Verfcgiedenbeit
ihrer Entftegungszeit und der Kultur, aus der fie
hervorgingen, vielfach auch des Materials und
der Technik, fogar in jenen Räumen, die kaum
eine Veränderung erfuhren, zufammenwachfen
zu einem jtarken Gefamteindruck überragenden
Kunftfinns. Für die Majolikafammlung, die
peg auf drei aneinanderfcgließende 31mmer mit
fein variiertem, doch die Einheit des Ganzen
betonendem Blau der tüände verteilt, das die
leuchtenden Farben aufs Crefflicbfte in ihrer
CHirkung unterftügt, ift bei aller Freiheit im Ein-
zelnen eine Anordnung durchgeführt, die die
künftlerifcge Entwicklung fehr glücklich in die
Erfcßeinung treten läßt und zeigt, welche Be-
deutung diefe Erwerbungen des Pjerzogs Carl
Eugen be|igen. Die ftärkfte Leiftung Buchheits
aber ift in der Aufteilung der Porzellanfammlung
zu erblicken, deren erfter Ceil ßch an die Ma-
jolikafammlung anfchließt. Da bietet zunäcgß
ein entzückendes Kabinettcgen mit heller ge-
ftreifter Papageientapete in zierlichen, weiß
lackierten tüandkäßen eine Auswahl des Köft-
lichften an pgürlicher Plaßik der Ludwigsburger
Manufaktur. Im näcbften Raum, mit kühn
orangerot gefärbten lüänden, die aller nahe-
liegenden gegenteiligen Vermutung zum Crog
die Leuchtkraft der Porzellanfarben auf das tüir-
kungsvollfte fteigern, find weitere hervorragende
Figuren Ludwigsburgs, zur Erleichterung einer
zutreffenden ttlerturig ebenfalls neben gleich-
zeitigen Arbeiten anderer Erzeugungsftätten, zum
Ceil in Vitrinen, zum Ceil völlig frei auf Möbeln
fo angeordnet, daß jedes Stück aufs Befte zur
Geltung kommt und die Bepd)tigung zu einem
wahren Genuß wird. Ebenfo iß es mit den frei
aufgeftellten herrlichen Gruppen im näcbßen
Raum, deffen Schränke eine Auswahl des fegön-
ften Ludwigsburger Rokokogefcgirrs bergen.
Drei weitere Porzellanräume fcgließen pch, jede
ermüdende Eintönigkeit gintanzugalten, erß an
die drei abwechslungsreichen Kunftkammerfäle
an. Im erften gerrfegen Beyer und Lejeune,
dann folgt Späteres Ludwigsburger Gefcgirr und
eine intereffante Sammlung der verfegiedenen
Cypen Ludwigsburger Laßen, denen pcg im

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