Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Kinderz eidjnungen

Von OSKAR SCHÜRER / Mit zehn Abbildungen
auf drei Tafeln und einer Abbildung im Text

• •
Uber Kinderzeichnungen im Räumen eines kurzen Äuffatjes zu handeln verlangt
— [oll dilletierende Vagheit vermieden werden — bewußte Befcßränkung auf
Einzelbeobachtungen, die als Beiträge zu jenem großen, von Berufenen forgfam
durd)forfd)ten Gebiet kindlicher Bildnertätigkeit gelten mögen. Nur folcße Einteilung
berechtigt zu knapper Äufzeigung einigen Materials aus der Fülle von Beachtenswertem,
das eine vom Verfaffer gemeinfam mit dem Graphifchen Kabinett Erfurt!) in Dresden
veranftaltete Äusftellung von Kinderzeid)nungen und Kindermalereien zufammengebracht
hat. Äbfid)t diefer Äusftellung war keineswegs pädagogifd) orientierende Überfchau
oder pfychologifd) klärende For[d)ung. Spontaner Ausdruck kindlichen Schaffens follte
in feiner ürfprünglid)keit und feinem Reichtum aufgezeigt, zu Genuß wie Mahnung
einem aufnahmebereiten Publikum dargeboten werden. Da kamen denn auch Leitungen
zutage, die an dem bewußt feftgeßaltenen und betontenünterfcßied von Kinderbildnerei
und bildender Kunft als erftaunlicßes Ergebnis manchmal zweifeln laffen.
Von folchem aber kann nur der Äugenfd)ein vor dem meift farbigen Original über-
zeugen. f)ier follen nur einige auch in der Reproduktion erfaßbare Eigentümlichkeiten
kindlicher Äusdruckstätigkeit mit neuem markanten Material belegt werden, zum Deil
als Beitrag zu einer formalen wie inhaltlichen Dypologie des kindlichen Vorftellens und
Bildens überhaupt. Sicher ift auf dem intereffanten Weg von (primärer) Vorftellung
über (fekundäre) Wahrnehmung zu beides verfdjmelzender Änfd)auung jene Stufe von
befonderer Bedeutung, auf der fiel) Symbolzeichen und 3eichenfcl)rift einerfeits, Symbol-
zeietjen und Wahrnehmungzeichnung andererfeits voneinander fcheiden. Völkerpfyd)o-
logifche Paralellerfcheinungen find genugfam aufgewiefen, Verbindendes wie Crennendes
beider Äußerungen gründlich unterfud)t (neuerdings wieder von Schäfer: bildende Kunft
und Schrift in Ägypten).
Wie in die letzten Rudimente des Symbolzeichens die Wahrnehmung gleichfam mil-
dernd einßckert, zeigt unfere Äbb. 1: fjänfel und Gretel auf Enten über den Deich
fahrend, ünterfcheidung von Knabe und Mädchen ift faft noch fymbolifd) gegeben:
der ftehende Dreiftrahl am Kopf des Knaben, das Fjängeband (3opf) beim Mädchen.
Äud) die Enten find in fymbolifierender Abbreviatur hüigefchrieben, das Waffer als
Änklang aus der Krifeelftufe angedeutet. Daß die, Wahrnehmung fchon obßiegt, braucht
angefid)ts des Bildes nicht betont zu werden, wohl aber, wie zwifd)en Symbol und
Wahrnehmung noch Änfäije reiner, nur mit Mühe vermeidet man das Wort, künft-
lerifd)er Geftaltung hereindrängen. Id) meine noch über der Kraft des Sd)warz-Weiß jene

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