Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Die wi[fenfd)aftlid)en Inftrumente des 5amburgifd)en
Mufeums für Kunft und Gewerbe
Mit 13 Abbildungen auf fünf Tafeln Von ALFRED ROHDE-Hamburg

Bis zum Äusgang des 18. Jahrhunderts war es für jeden Kunfthandwerker eine
keiner Überlegung bedürfende Selbftverftändlickkeit, daß die Natur feines Arbeits-
ftoffes und Arbeitsgerätes die Grundlage der künftlerifchen Formgeftaltung und
Äusfchmückung fein müffe. Erft als die Mafchine den engen Kontakt zwifd)en Klerk-
ftoff und menfchlid)er ßand aufgehoben hatte, konnte die Frage, ob materialgerecht
oder nicht, entftehen, erft jetjt mußte man von hier aus eine Reinigung und Läuterung
der Schaffenstätigkeit erfehnen. Die organifche Einheit der hiftonfcheri Stilperioden
fragte nicht nach ürfache und Klirkung in dem Maße wie das kaufal denkende 19. Jahr-
hundert es getan und uns gelehrt hat.
Das ift der innere Grund, weshalb jede Gefehlte des Kunftgewerbes vergangener
3eiten im Grunde genommen in jene größere Gefchicßte des Ornamentftiches einzu-
münden hat, die das Ganze umfaßt, die von einer höheren Klärte fprid)t. Der Orna-
mentftich fteht über dem Material, er drückt dem einzelnen Objekt den Stempel feiner
formalen Geftaltungsmöglichkeit auf und ift Ausdruck der 3eit. Die Materie bleibt pd)
relativ gleich: in Maffe und Klert; erft der Geift, der pe durchdringt, bildet pe zu
einem Kunftwerk, das höhere Kleifungen in fic±) trägt. Immer wieder fehen wir, wie
beftimmte Künftler die formalen Grundlagen des 3eit°rnaments fchaffen, wie mit Fjilfe
des Fjolzfchnittes oder des Kupferftiches diefe feftgelegt werden, wie diefe Stichvorlagen
in die einzelnen Klerkftätten hineingelangen und wie fie hier in den verfepiedenften
Materialien ausgeführt und nachgeahmt werden. Gefcpaffen —- in den beften 3eiten
— oft ganz ausdrücklich ohne Rückficht auf einen beftimmten Klerkftoff finden fie ftets
in den Einzelwerkftätten ihren Kleg wieder zurück zum Material, fo die künftlerifche
Freiheit des ausführenden Handwerkers wahrend. Immer wieder wird die gleichem
immaterielle Formerßndung des Ornamentpicpkünftlers aus den inneren Lebens-
bedingungen des befonderen handwerklichen Klerkftoffes heraus umgeftaltet. In diefer
ftändigen Überfejsung wird der Materialftil zur Selbftverftändlichkeit, er war eine Cat
der handwerklichen Ausbildung und bedurfte darum von außen her keines befonderen
Fjinweifes.
*
So gibt die gefchichtliche Entwicklung der Inftrumentenkunft, die es im wefentlichen
mit Metallarbeiten zu tun hat, — die wenigen Inftrumente aus Elfenbein oder Solen-
hofer Stein fpielen in diefem 3ufammenhange keine große, jedenfalls keine felbftändige
Rolle — ein Bild der allgemeinen Entwicklung der ornamentalen Formen, in denen
pep der wechfelnde Geift der Jahrhunderte ausgefprochen hat, angewandt auf die Kunft
der feinen Metallarbeiten, vor allem der Metallgravierung, zu der der Metallguß nur
gelegentlich für Einzelheiten plaftifcher Verzierung hinzutritt.
Der deutfehe Ornamentftid) hatte in der 3eit der Spätgotik eine ftarke Blüte erfahren,
es ßnd fepon alle Vorausfetjungen vorhanden, die den Umfang der Renaiffanceausbeute
in pch tragen. Die Produktion ift ftürmifcp und vielfeitig; aber mit der 3eit um 1500
feßt eine Stockung ein, es gab überragende Perfönlicpkeiten — Dürer, Holbein — der
Ornamentftich hat ihnen kaum etwas zu verdanken. In Italien hatten überragende
Anmerkung der Redaktion, ünter dem Citel „Die Gefd)id)te der wiffenfchaftlicben Inftrumente
vom Beginn der Renaiffance bis zum Äusgang des 18. Jahrhunderts“ erfdjeint von dem Verfaffer
des obigen Äuffaljes foeben ein reich illuftrierter Band der „Monographien des Kunßgewerbes“ (Verlag
Klinkhardt & Biermann, Leipzig) auf den bei diefer Gelegenheit nachdrücklichß hingewiefen fei.

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