Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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entfernt von den anderen, die glauben, daß allein die Orgie der Farben Beweis eines
malerifcßen Cemperamentes [ei, liebt er die einfachen Cöne, manchmal [ogar die
gleicßmäßigften Klänge, durcß die er [einem (Xlerk alle nur denkbaren und vor[tellbaren
Variationen vermittelt. Äßnlicß wie in [einen 3eicßnungen weniger das rein gefcßmack-
licße Moment als vielmehr ein innerer Rßytßmus die Äufmerk[amkeit gefangen nimmt,
[o gibt es auf [einen Gemälden eine Vielheit von üönen und Valeurs, die nicßt dem
erlernbaren Kanon elementarer Gefeße ent[pringen, [ondern Ergebnis eines Äffoziations-
vermögens ßnd, das aus dem Gegenfatj der Farben und Nuancierungen letzte Solidität
und unfcßäßbaren Reichtum entnimmt. Das Feuer des Malers, der füßlt, aber aud)
nacßdenkt, [orgt dafür, daß es der Palette eines Kars niemals an Äbwecßflung feßlt.
Indes läßt ebenfo das künftlerifcße Unterfcßeidungsvermögen eines Kars einen Klangton,
ein Cßema, wie es ein Mußker tut, aufgreifen. Äber weil es durcß eine [eltene Sen-
sibilität getragen ift, vollfüßrt er mit [einem malerifcßen Inftrument die reicßften Va-
riationen; aufwüßlend und oftmals [pielerifcß zugleicß, offenbaren ße jene Geßeimniffe
feiner Kräfte, die in [einer pßyßfcßen Natur verfcßloffen ßnd.
Im Oeuvre eines Kars gibt es darum einen vollkommenen Äusgleicß zwifcßen dem
inneren Rßytßmus [einer 3eid)nung und [eines Kolorits. Daßer kommt es, daß [eine
Äkte, [eine Bildniffe, [eine Landfcßaften und [eine Stilleben eine Äusgeglicßenßeit be-
ßfeen, die [eine (Herke zu dem denkbar Vollkommenften [tempeln. Ift es nicßt feltfam,
daß man bei aller Originalität des Künftlers folcße Qualitäten [o [eiten bei anderen
ßndet! Das kommt daßer, weil in dem öüerk von Kars diefer 3ufammenklang eines
erßebenden, formßarken, gefcßmeidigen und [o- lebendigen Lyrismus 5and in Ißand
geßt mit einem tiefen, malerifcßen Gefüßl und dies einen der gelungenften Verfucße
in der Domäne des Klafßzismus darftellt. Georg Kars ift in der Cat der Künftler,
der mit dem Gefüßl den Gedanken ßat und desßalb eine der reinften Deßnitionen des
Klafßzismus verkörpert. (Deut[cß von G. Bi er mann.)
Äftßetifcße und ßiftorifcße Kunftanfcßauung
Von RICHARD LEWINSOHN

Um die Jaßrßundertwende, als der Naturalismus zu verblaßen begann und vom
Kunftgewerbe aus eine neue Stilkunft emporfcßoß, ßng aucß die Kunfttßeorie an,
ßcß wieder mit der Äftßetik der reinen Form zu befcßäftigen. Das Intereffe ver-
dicßtete ßcß, wie immer im Beginn einer neuen Kunftanfcßauung, zu der Kardinalfrage,
was denn überßaupt Kunft [ei. Und es feßlte aucß nicßt an Verfucßen, auf diefe
lakonifcße Frage eine ebenfo lakonifcße Äntwort, eine kurze und prägnante Deßnition
des Begriffs Kunft zu geben.
Die Lofung des Naturalismus, daß die Kunft ein Stüde Natur [ei, gefeßen durcß ein
Cemperament, genügte nicßt meßr; das war klar. Denn damit konnte man weder die
Raumkunft Olbricßs noeß die Ornamentik van de Veldes erklären. Äber aucß die neue
Formel von der inneren 3weckmäßigkeit [teilte ßcß bald als unzulänglicß ßeraus. Sie
paßte weder für Fjodler noeß für Klimt, gefeßweige denn für ßofmannstßal und Maeter-
linck oder gar für Strauß und Debuffy. Und [o kam man denn naeß etlicßen Debatten
wieder einmal zu der Uleisßeit letztem Scßluß, daß die Kunft ßalt die Kunft [ei und
daß man [o etwas nicßt deßnieren könne.
In diefem Refultat fteckte die rießtige metßodologifcße Erkenntnis, daß man auf einem
Gebiet, auf dem noeß alle Unterbegriffe feßwankten und nirgendwo eine ßeßere Cer-
minologie beftand, unmöglicß den Sammel- und Endbegriff mit einem Ulorte umreißen
konnte. Denn das tUefen der Deßnition liegt doeß darin, eine Unbekannte durcß meßrere
bekannte Größen auszudrücken. Diefe bekannten oder bekannteren Größen bedürfen
natürlicß ißrerfeits wiederum einer Erklärung. So ßat eine Deßnition nur Sinn inner-

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