Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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bilder Runge und Cornelius getreten: Der Exprefponift i[t wenigftens tßeoretifcß bei
den Nazarenern angekommen.
(Dieweit die (Derke diefen (Dandel beftätigen werden, müpen wir wie gefagt ab-
warten. Befteßen aber bleibt, daß eine Erfcßeinung wie Ludwig Meidner mit [einem
(Dollen wie mit [einem (Dirken, mit [einer Arbeit wie mit [einen begriffließen Kommen-
taren zu fiel) [elber zur Kenntnis der zweiten komplizierteren Pßafe der Entwicklung
des deutfeßen Expreffionismus unentbeßrlicß ift. Ob die 3u^unft das, was er für das
Befte ßält, bejaßen oder verneinen wird, kommt nießt in Betracßt: das Entfcßeidende
ift, daß feßon eine der füßrenden noeß fo naße Generation wie die, der Meidner an-
geßört, auf fo mannigfaeßen, verworrenen und einander dureßkreuzenden (Degen die
Löfung der Aufgaben fueßen muß, die 3eit und Scßickfal ißr geftellt ßaben. Für die
Entwicklungsgefcßicßte der deutfeßen Geiftigkeit in den Jaßren naeß dem Kriege darf
man eine Erfcßeinung wie Meidner in all ißren Äußerungen, ganz gleicß, welcßen ab-
foluten (Dert man diefen beilegen will, nießt überfeßen.

Von WALTER PASSARGE / Mit
sechs Abbildungen auf drei Tafeln1

Junge Kunft in Erfurt

5 ift noeß nießt allzulange ßer, daß in Erfurt moderne Kunft gefammelt wird.


Die Stadt, bis zur Mitte des vorigen Jaßrßunderts kleiner Provinzort und über

J—1 die mittelalterlicßen Ausmaße kaum ßinausgeßend, mußte fieß erft wirtfcßaftlicß
emporarbeiten, eße ße daran denken konnte, pcß mit der Kultur eines neuen 3^italters
auseinanderzufetjen. Binnen eines ßalben Jaßrßunderts maeßte pe die Entwicklung zur
Großftadt dureß, vermeßrte fieß ißre Einwoßnerzaßl um das Fünffacße. Man begann,
fieß feiner kulturellen Verpßicßtungen zu erinnern und gründete ein Mufeum, deßen
Gefcßicßte in einer kleinen Brofcßüre Alfred Overmanns nütpieß und teilweife aueß er-
gößlicß nacßzulefen ift. Den Kern der Gemäldefammlung bildeten die Gemälde des
Erfurters Friedrieß von Nerly; das modernfte Bild, das der Katalog von 1909 ver-
zeießnet, war ein Paftell von Safcßa Scßneider „Erkennen“. Dann kam — 1912 —
Redslob und mit ißm ein feßr frifeßer (Dind in das Erfurter Kunftleben. Es galt zu-
näcßft, das Publikum mit dem Imprefponismus vertraut zu maeßen. (Derke von Corintß,
Slevogt, Crübner, Kalckreutß, Roßlfs ((Deimarer 3eit) wurden erworben. Neuerdings
traten dazu noeß einige farbenfprüßende Arbeiten des Neoimpreffioniften Curt F>err-
mann. Allmäßlicß ging man zur eigentlicßen Moderne über, zunäcßft in der Ricßtung
auf Müncßen: Erbslöß, Kanoldt. Ferner: Ludwig von FJofmann. Langfam fetjte nun
der immer energifeßer werdende Proteft breiter Publikumskreife ein, insbefondere
natürlicß der „kunftliebenden“, ein Proteft, der pcß zumeift in wenig faeßließen Baßnen
bewegen follte.
Dann kam das große Ereignis: die Berüßrung mit der eigentlicßen deutfeßen Kunft
der Gegenwart, verkörpert zunäcßft in der Erfcßeinung E. L. Kircßners. Seine monu-
mentalen Fiolzfcßnitte aus dem Engadin wurden der Grundftock der grapßifcßen Samm-
lung des Mufeums, die in ißrer Reicßßaltigkeit einen ausgezeießneten Überblick fpeziell
über die FJolzfcßneidekunft der Gegenwart gibt. Damit war der Anfcßluß an den
Brücke-Kreis gewonnen. 3ugleicß begann man in privaten Kreifen zu [ammein, zuerft
in kleinem, dann in immer größerem Dmfange. ßeute verfügt Erfurt in feinen öffent-
licßen und privaten Sammlungen über eine große Anzaßl von Meifterwerken des
deutfeßen Expreffionismus. (Das von dem jetzigen Reicßskunftwart in Erfurt begonnen
1 Die pbotograpßijcben Aufnahmen verdanken wir dem Atelier Biffinger, Erfurt.

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