Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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facsimile
3u dem Ule rk des Jacopo Cintoretto

Mit drei Tafeln

Von GEORG BIERMANN


■intoretto, des Färbers Sohn, liegt unferer 3ed fchon lange im Blute. Beweis da

für, wie jedes neue Werk des Meifters begierig aufgegriffen und analyfiert wird,

A wie diefer Venezianer nachgerade Kraft gewann, das klaffifcbje 3eitalter der La-
gune fo fel)r auf fid) hin umzubiegen, daß — denkt man heute an Venedig — der
Name diefes Künftlers fid) neben den gefeftigteren Erfcheinungen der Carpaccio,
Bellini, Cizian und Giorgione vor allem auf die Lippen drängt.
Jede 3ed entdeckt in der Gefehlte der Kunft ihre Götter, muß fie neu erobern und
fud)t rückwärtsfcßauend in dem Werk der Coten die Berechtigung für ihr eigenes Sein.
Greco war vor fünfzehn Jahren Fanal des Barock an fid), 3ufälligkeit vielleicht, ge-
führt durch gefchickte und wohl berechnende Propaganda, aber der Grieche war da, weil
der Inftinkt einer neuen Generation feinem Werk entgegenkam. Schon damals ver-
lautbarte ftärker als je zuvor auch der Name des Cintoretto, der für einige Jahre im
Atelier Cizians Weggenoffe des Griechen gewefen war, fo fehr, daß hinfichtlid) der
Jugendarbeiten beider Künftler fogar 3weifel entftel)en konnten.
Jene Bewegung aber, die damals den Domenico Chcotocopuli entdecken ließ,~ver-
finnbildlichte doch nur unfer in ftarker Revifion begriffenes künftlerifches Gefühl, Wurde
die Kunft diefer beiden Cizianfchüler nur durch einen 3ufall neu in unfer Bewußtfein
getragen, wäre fie beftimmt nach längftens drei Jahren wieder verblaßt. Indes, einmal
angerührt, hat fid) das Werk diefer Meifter immer ftärker in dem Bewußtfein der
Gegenwart durchgefetjt, und wenn heute endlich die große abfchließende Arbeit über
einen Künftler wie Cintoretto vorliegt (nachdem ihr jahrelang zahlreiche Einzelunter-
fuchungen vorgearbeitet haben — v. FJadelns Anteil nicht zu vergeffen), fo kann man
dankbarft nur der Cat zweier bewährter jüngerer deutfcher Kunftgelehrter zuftimmen,
die, geführt von dem fieberen Inftinkt unferer 3eit, dem Werk des großen Venezianers
auch das „Monumentum aera perennius“ errichtet haben1. Diefes liegt jefet in einer
fo vorbildlichen und buchtechnifd) vollendeten Form vor, daß der Doppelband, dem
noch ein Catalogue raisonne fämtlid)er Werke Cintorettos folgen foll, fortan durchaus
grundlegend fein wird, Wie immer fidt) fpätere Forfd)ung zu diefer oder jener Einzel-
frage aud) [teilt, das kunfthiftorifche Detail verblaßt \)ier vollkommen gegenüber dem
Gefamtergebnis. ünd diefes ift nicht mehr und nicht weniger als Aufbau und Rück-
fdjau des Werkes jenes venezianifchen Malers in letzter Klarheit, die heute überhaupt
nur denkbar ift. Nicht daß der Abbildungsband das Oeuvre zeitlich prachtvoll fixiert
und dabei ein Du&end bis dahin unbekannter Stücke erftmalig veröffentlicht (von denen
an diefer Stelle einige Proben mitgeteilt feien) ift wichtig. Wertvoller erfcheint im
Gefamtkomplex diefes hiftorifchen und künftlerifchen Aufbaues die Catfache, daß diefer
Cintoretto in feiner malerifcßen Manifeftation durch diefe Arbeit reftlos der Gegenwart
zurückgewonnen ift, daß diefes herbe und fd)were Sdt)ickfal eines Menfdjen, der durch
feine Farbe Lichtbringer wie nur wenige feinesgleichen gewefen ift, nicht nur den Werde-
prozeß feines Jahrhunderts erhellt, fondern als Symbol unferer eigenen ringenden Seele
um lebte metaphyfifche Erkenntniffe wieder greifbar vor uns fteht. Die kunfthiftorifche
Detailarbeit und vergleichende Stilanalyfe in Ehren — fie ift vielleicht fogar dank der
Gemeinfamkeit zweier Augenpaare befonders gelungen — wichtiger ift, im Ganzen ge-
wertet, die durchaus neue Catfache der Perfönlichkeit Cintorettos überhaupt, die diefe
Arbeit für uns zurückgewonnen hat. Schon die glänzend gefd)riebene Einleitung des
Cextbandes legt — von einigen durchaus unzeitgemäßen Seitenblicken auf Michel-
1 Jacopo Cintoretto. Von Erid) von der Bercken und Huguft L. Mayer. I. Band
Cext, II. Band 212 Äbbildungen. Verlag R. Piper & Co. München 1923.

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