Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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düngen der Stammescharakter der Kunft offenbar. So auch in diefen Blättern Dam-
bachers. Die Strid)lage der 3eid)nung erinnert in ihrer tonigen Parallelität, in ihrer
modellierenden Kurfive an Stiche. Unheimliche Kubik ift überall erreicht und damit
wieder jene objektivierende Diftanz, die das Komifcbe bewirkt. Das Unbeholfene, Un-
geflickte, Biedere begünftigt diefe Stimmung. Der 3ufammenhang mit der neuen
Kunft unferer Cage wird verftändlid). In foldtjer Hielt von maffigen „Elefantenkälbern“
— um Goethes Gleichnis aus dem Pucktanz des „Fauft“ zu benuben — ift alles mög-
lich, und immer ift Eulenfpiegel zugleich der Befchauer, der am beften lad}t, weil er
zule^t lacht. Künftlerifch ftehen dann die folgenden Fjefte mit den Steinzeichnungen
zu Bebels Rheinländifchem Bausfreund zweifellos höher. Man muß Dambachers Ori-
ginalzeichnungen kennen, um die ganze Feinheit diefer 3eid)enkunft werten zu können.
Hlieder ift es nicht die ründende, parallelifche Stichlinie, die das Komifche bewirkt,
auch nicht die Handlung als folche, vielmehr ift es das phyfi°9nomifche, mimifche
Gegeneinander, das Sofein der Äkteure, die ihr Stichwort im fruchtbaren Moment der
Änekdote geftalten und gebärden. Hlie ein ftutjerhaft zierlicher Franzofe gegen einen
biederen Engländer oder Deutfdjen, wie ein überfchlauer Bauer oder Jude gegen die
dumme, altkluge Ehrbarkeit ausgefpielt wird, wie vor den armfeligen Kuliffen der
„Franzofenzeit“ alle diefe Cypen in Mode und Gefte der 3eit, den bunten Bolzpuppen
eines reifenden Marionettentheaters von damals vergleichbar, fiel) bewegen, das macht
den höheren HIert diefer Illuftrationen aus. Bier ift nicht mehr Szene und Figur von
außen her nach Kanon oder Gefchmack gebaut, hier ift von innen her aus der Fülle
des Gefchauten ftarkes, echtes Äusdrucksleben erwachfen, keiner Schönheit, aber jener
naivgefunden BäßHchkeit zugetan, die immer Leben heißt. Solche Äusdruckskunft ift
nicht lieblos moral-liftig, fondern gütig pfycho-logifd). Es lächelt ein wohlwollender
Bimmel über diefen Gefchöpfen und Schickfalen und führt alles zur Beiterkeit der Mit-
wiffer und Mitfchauer wohl hinaus. Der djriftliche Peffimismus, der atljeiftifche Peffi-
mismus des Jungdeutfchland weint und grinft noch nicht über die Soßtten des kleinen
HIelttheaters. Die hohe HIeisheit jener Hliffenden, denen das lebte Licht aus der er-
fchütternden 3elle des entfagenden und bekennenden Goethe wie der Äbendftern her-
überfchimmerte, lebt auch in diefen feltfamen Bekenntniffen des einfamen 3eid)ners.
Hlir verftehen, wie es Goethe in diefer Bebelfchen Scherzwelt wohl fein konnte, die
er als Greis noch einmal verwandelt in Cöpffers genialer Linienhumoriftik loben und
lieben konnte. Hlie weit war noch der HIeg bis zu der unheimlichen Komik und
Cragik in der Liniengroteske eines Kubin, bis zu der erbarmungslos haffenden und
richtenden Satire unferer Lage, die in der moralifchen, fozialen, politifchen Änklage
und Selbftenthauptung eines Meifters wie Grosz gipfelt. Einer neuen Maffe, einer
neuen Gemeinfchaft gehört folche Linienkunft, die wieder, wie das mittelalterliche Flug-
blatt, dem politifchen Lage verpflichtet ift. Doch leben auch heute neben diefen lauten
Stimmen abfeits und einfam leife Stimmen, die, wie Dambacber damals, mit heiterem
Ja Frieden und Freuden bereiten.
Damit wäre Dambachers Ärt und HIert flüchtig gedeutet. Er verdiente eingehendere
Betrachtung und neue Hlürdigung in einer Gefehlte der badifchen Graphik, die für
die Illuftration fo viel Gutes und Vergeffenes geleiftet \)at. Uns war es lieb, feine
Perfönlichkeit noch einmal aus dem Dunkel zu befchwören, noch einmal einen Anhauch
jener jugendlichen 3eit zu empßnden, für die der Neckar lauter raufdjte als uns, für
die das feine Ält-Beidelberg bei Schlägerklang und Becherläuten „ein kunftlos Lied“ ver-
diente, für die Kommers- und Volkslied immer wieder von dem deutfchen 3eitgefang über-
tönt wurde, wie ihn der junge Brentano einft in feinem „Lied von eines Studenten Ankunft
in Beidelberg und feinem Craum auf der Brücke“ aufjubelnd bis in unfere trübe Ferne
verklingen ließ: ,T , .
„. . . Und wie ans Vaterland ich dacßt
Das Berz mir weint’, das Beiz mir lacht’.“

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