Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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durch) Anordnung der beiden Gefäße unterftütjt wird, find [ie in deutlichem hinter-
einander auf der töolken[d)id)te gegeben, deren diagonale Richtung den Blick des Be-
fdtjauers in die Liefe und damit zur Gottheit hinlenkt. So durchbricht auch der oft-
afiatifche Künftler die Fläche, wenn der Raum als Ausdruckswert im Bilde fichtbar ge-
macht werden [oll. Der Körper des Bodhifatva zeigt weiche Rundungen, ebenfo wie
das leicht geneigte Antlitj, auf dem ein leifer hauch von Schwermut liegt. Im Aus-
drucke ift unendliche Milde; der mitleidsvoll nach abwärts gerichtete Blick, der weiche
Schwung der Lippen zeigen deutlich, daß der Bodhifatva ßicr als der Allerbarmer
veranfchaulicht werden follte, als den ihn auch das Sutra Sadharma Pundarika ver-
herrlicht.
Ein dritter Cypus der Malerei gehört der Sungzeit an1. Seine Entftehung geht wol)l
auf Mu-chi zurück, der um die Mitte des 13. Jahrhunderts gewirkt hat. Mu-d)i gibt
die Göttin nicht in einer beliebigen Landfchaft, fondern er verfemt fie unmittelbar auf
die Infel Pu-to-shan, die an der klippenreichen Küfte von Che-kiang gelegen, feit
Mitte des 10. Jahrhunderts die hauptftätte ihres Kultes gewefen ift. Dort find der
Göttin der Barmherzigkeit zwifdjen den PJößlungen und Spalten zerklüfteter Felfen
zahllofe Cempelchen und Altäre errichtet, als der gnadenreichen Befchüßerin der Schiffer
auf [türmendem Meere. So ift fie von Mu-chi wiedergegeben. Auf einfamer Klippe,
vom Meer umbrandet, in fchlichtem tuchartigem Gewände, das in lofen Falten die
Geftalt umhüllt. Ohne Attribute und ohne Symbole ift fie in fjaltung und Ausdruck
die Mutter der FJilflofen und Rettungsbedürftigen, eine Verkörperung der allerbarmenden
Liebe.
Neben diefen am häufigften wiederholten Darfteliungsformen des Bodhifatva Avalo-
kitesvara gibt es noch manche andere intereffante Cypen, die die oftafiatifche Kunft
zur Veranfchaulichung des Begriffes von göttlicher Barmherzigkeit ausgebildet hat.
Aber fchon die tüer getroffene Auswahl läßt den Gang der Entwicklung im Mythos
und in der Kunft erkennen. Er führt, wie die vorangehenden Ausführungen zeigen,
aus der Kielt idealer Gottesbegriffe zur materialiftifchen Auffaffung des göttlichen
Kiefens und in Übereinftimmung mit diefem Klandel in der religiöfen Gefinnung von der
abftrakten Körperlofigkeit naturferner Göttergeftalten zur naturaliftifchen Formengebung
und zur Menfchwerdung der Gottheit.

No und No-Masken

Von FRIEDRICH PERZYNSKI / Mit
zehn Abbildungen auf fünf Tafeln

Auf einer dreiviertel Seite hat Noel Peri, der das befte Buch über japanifche Nö-
/ \ Spiele gefchrieben hat, das Klort „Nö“ zu analyfieren verfucht. Er führt Seami,
*“den klafpfcßen Nö-Üänzer der Ast)ikaga-3eit, an, der [ich über „nö wa agaru“,
„nö wa tomaru“, „nö wa sagaru“ verbreitet, über die Entwicklung, den Stillftand, den
Rüdegang deffen, der Nö befifet und ausübt. Nö ift Calent und Entfaltung des Latentes,
Kunft und Können fcßtechtweg.
Nö gehört zu den Dingen, von denen man mit Achtung fpricht. Sie wird fchon
äußerlich bekundet durch den unüberfe^baren Refpektsvorlaut O. Auch die Nö-Bühne
und der Nö Schaufpieler haben daran Anteil: fie heißen O Nö-butai und O Nö-yakusßa.
Es gibt eine reizende Anekdote, die berichtet, warum Kawachi, einer der berühmteren
Sehniger, den Beruf des FJoffattelmachers aufgab und Maskenmacher wurde. Er faß
einft ßiater der Nö-Büßne, wie FJideyoshi, der Eroberer Koreas, ein leidenfchaftlicher
Bewunderer der Nö-Kunft, Nö-Gewänder und die Nö-Maske anlegte. Bevor er die
Maske befeftigte, erhob er [ie ehrfurchtsvoll und verneigte [ich leicht. (Diefe Gefte ift
1 Japanese Cernples and tpeir Creasures. Caf. 509.
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