Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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denen Ateliers, aud) auf der Akademie und eine 3eitlang bei Picaffo und kommt von
itjm und Matiffe zum Verftändnis Cezannes, deffen flächige Melodik il)n neben Corots
differenzierter Malkultur am ftärkften beeinflußt. In Paris befeftigt er die folide hand-
werkliche Grundlage, die er in Klimts Schule begonnen hatte, und die Erfahrungen
diefer 3eit finden ihre Auslöfung und Klärung auf mehreren Reifen, die ißn durch die
Provence, Italien, bis nach Ägypten führen.
Oberfter Richter ift ihm immer fein ficherer Inftinkt, der ihn nicht über die Möglich-
keiten feines Latentes hinausgehen läßt. Seine Intelligenz ift ftark genug, um die ge-
fährliche Gabe der Senfibilität zu zügeln; der Gefahr, Farbe und Lon alles zu opfern,
weichlich und füßlich zu werden, ift er zuweilen erlegen, hat fie in den lebten Jahren
aber überwunden. Einen fehr deutlichen Aufftieg bringt der le£te Aufenthalt in Si-
zilien 1921. Fjier unter füdlidjem Fjimmel entftehen Landfchaften fehwebend leicht und
doch gebaut, FJafenbilder aus Syrakus, bei frühefter Sonne gemalt, zitternd von [üb-
riger Luft, „ötto bin ich doch? Ad), weit! Ad), weit! Das weiße Meer liegt einge-
fcßlafen, und purpurn fteßt ein Segel drauf. Fels, Feigenbäume, Curm und Hafen,
Idylle rings, Geblök von Schafen — Unfd)uld des Südens, nimm mich auf!“ — Oder
Gärten im fchweren Licht des Nachmittages, voll faftigen, dunkeln Grüns. Diefe Flächen
atmen, und die Landfdjaft lebt vor uns auf als fie felber; man kann fagen, fie klingen
von lyrifcher Melodik, aus ihnen kommt eine unmittelbare farbenfinnliche Cüirkung,
die der mufikalifd)en ähnlich ift. Jeder Schatten, jedes Licht wird \)ier zum Con. Dazu
kommt die Bezwingung des Räumlichen; jedes Ding fitjt im Raum. Qnd das Auge
wandert über Meer, Schiffe, Küfte hin bis zu verfchwimmenden \)Q\\zn Bergzügen im
Hintergrund. — Diefe Landfchaften find neben feinen ftarken Porträts gegenwärtig,
lebendig, aud) außerhalb der Kategorie und tragen in fid) Anrecht auf Dauer. Auf
das Kommende wollen wir uns freuen.
Parifer Chronik
Äusftellung Juan Gris / Galerie Simon / Maler und Kunftgewerbler / „Vor-
fdßläge“ bei Bernheim jeune / Die jungfranzöfifd)e Malerfd)ule / (Galerie
Barbazanges) Mit zwei Abbildungen auf einer Tafel / Von ADOLPHE BASLER
Haben auch Picaffo und Braque den Begriff des Kubismus geprägt, fo war dod)
der eigentliche Exeget desfelben erft der aus Madrid gebürtige Maler Juan
Gris. Er hat uns diefe efoterifd)e Kunft aufgezeigt und erläutert, eine Kunft,
deren Grundbegriffe Maurice Raynal am fdßärfften auseinandergefetjt hat. Niemand
aber hat das feltfame Dunkel diefer Kunftrichtung beffer gelichtet, niemand beffer die
Entwicklung und die 3ide diefer Schule klargelegt als Juan Gris. Seine zur 3cit
in der Galerie Simon ausgeftellten Gemälde enthüllen uns lückenlos die Gefd)id)te
des Kubismus: die erfte Staffel bildeten jene Stilleben, deren geometrifd)e Konftruk-
tion noch etwas unklar war; dann folgen Kompofitionen nad) einem, auf einer un-
unterbrochenen Symmetrie aufgebauten Schema; wir gewahren einen Linienkomplex,
der nid)t das Bild der Gegenftände in ihrer natürlichen Geftalt wiedergibt, fondern der
diefes Naturbild in ein ard)itektonifd) rhytl)mifiertes Ornament transponiert; die Gegen-
ftände werden abfid)tlid) ihrer Form entkleidet, um ihre innere Konftruktion zu definieren,
üüir fehen nur Fragmente; die Form wird räumlich aufgeteilt, um beffer gegliedert zu
erfchemen; es wird ein völlig abftraktes Kolorit verwendet, das zwar des Lichtes nicht
ganz enträt, ohne jedoch Lokaltöne aufzuweifen. Nad) und nad) klärt Gris zwar das
Formale immer deutlicher ab, verleugnet aber nirgends den Kubiften; er betont viel-
mehr auch weiterhin ausfd)ließlid) die rhytl)mifche Kompofition des Bildes. Niemand
kann dem Künftler einen Vorwurf daraus machen, daß er [ich nicht um Perfpektive be-
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