Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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werk eines Salomon Ruysdael immerhin exzeptionelle (Herk bei näherer Prüfung in der
Cat zwei Künftlertjände zu dokumentieren, deren Angleichung zwar im Großen vor-
züglich gelungen ift, die aber doch ganz augenfällig in jenem Gegenfatj des rein Land-
fchaftlichen und Figürlichen feftftellbar erfcheinen. Im Hintergründe die weich und tonig
gemalte Silhouette der Stadt Haarlem mit dem verhangenen melodifchen (Holkenmeer
darüber, das Ganze in jene verklingende graue Nebelftimmung getaucht; im Vorder-
grund die zumal links ein wenig harte Aufdringlichkeit der Figuren und Gruppen, die
in die Melodie der Landfchaft ein wenig laute Akzente hineinzutragen fcheinen.
Cro^dem ift diefes Bild eines der köftlichften (Herke jenes Salomon Ruysdael, das
fchon bei feiner Ausftellung 1909 in the Hudfon-Fulton Celebration in New York be-
rechtigtes Auffehen veranlaßte und das mit der alten St. Bavo-Kirche im Hintergrund
beftes Denkmal h°Uändifcher, vor allem aber Haarlemer Landfchaftsmalerei genannt
werden darf.
Biermann.

(II i 1 b c 1 m Sdjmid

Von CURTBAUER / Mit acht
Abbildungen auf vier Tafeln

Im Jahre 1920 erregte in der juryfreien Kunftfdjau zu Berlin ein junger Maler deutfch-
fchweizerifcher Herkunft, (Hilhelm Schmid, die Aufmerkfamkeit der Kennerwelt.
Die (Hände des großen Ehrenfaales waren von ißm mit Koloffalgemälden gefchmückt
worden, deren Motive fich auf die Mufik, die Arbeit und die Anbetung bezogen. Die
Darftellung eines Orchefterkonzertes, Beethoven gewidmet, bedeckte mit ihren 28 Figuren
in zwei Hälften die beiden durch die Cür geteilten (Hände. In all diefen Geftalten
fchien der gleiche Rhythmus zu fchwingen. Ein gemeinfames Fühlen, das fleh ganz
auf die Noten konzentrierte, ließ im Ausdruck der 3üge, in der Haltung der Körper
nur kaum merkliche Abweichungen aufkommen. Die mitreißenden Akkorde hatten jede
Individualität ausgelöfcht. Bäffe und Geigen glichen tönenden Noten, die alle Mit-
wirkenden in den gleichen Bann zogen. Diefe Kunft erinnerte mit ihren übereinftim-
menden Geflehtem, mit der Anpaffung ihrer Bewegungen, die fich nur wenig vonein-
ander unterfchieden, an romanifche Mofaiken oder mittelalterliche Bilderhandfchriften.
Es war ein erftaunliches (Herk von eindrucksvoller 3ielPct)er^eit, fämtliche Gemälde in
kaum zwei Monaten auf die gewaltige Leinwandfläche geworfen, jede Figur beinahe
in doppelter Lebensgröße. Ein lapidarer Stil verhalf den (Händen zu einheitlicher
(Hirkung. Aber das fid) in ihm äußernde Cemperament war zu ftark und urwüchfig,
um die (Handflächen nicht zu beunruhigen. Es handelte fich mehr um Ausftellungs-
bilder von weiter, farbiger Raumbefchaffenheit, die den Saal dehnten, anftatt ihn zu
fchließen. Jedenfalls blickte aus diefem Rohftoff eine um den Rhythmus der Form
ringende bedeutende künftlerifche Kraft, die mutig vorwärts ftrebt, ohne noch ihre
innerfte Gefühlswelt abgeklärt zu haben.
(Hilhelm Schmid entftammt einer alten Familie feines Landes, das auf der Grenze
zwifdjen Süd und Nord die Raffen, Romanen und Alemannen, eint. Aus diefem
Mutterboden mit feinen alten üraditionen erwuchs ihm die Kraft, feine Begabung zur
Entfaltung zu bringen und allmählich zu jener großen Einfachheit der Form zu ge-
langen, wie fie heute bereits das Merkmal feiner Kunft ift. Dem fleißig mit Stift und
Farben hantierenden Knaben erfchloß fich fch°n frühzeitig die große Kunft im Bafeler
Mufeum, wo er Holbein, Konr. (Hitj, Nik. Em. Deutfeh, Hodler und andere führende
Meifter kennen lernte. Nach einem Studium der Architektur und des Mafchinenbaues
bildete er fich [pater als Autodidakt auf Reifen in der Schweiz, Italien, Flandern und

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