Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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In dem in jener 3^it von Kriegen heimgefuchten Böhmen mag and) vielfad) das
Bedürfnis der Gläubigen, gute derke zu tun, um das Elend abzuwenden und fid) um
die ewige Seligkeit verdient zu machen, mit dazu beigetragen l)aben, Schönes und
Edles für die Kirchen zu ftiften und zu fettaffen. Und durd) dies redliche Bemühen
mag es der böhmifdjen Bildl)auerkunft der Gotik gelungen fein, das Niveau weit über
den Durd)fd)nitt hinaus zu erklimmen und eine gefonderte, künftlerifcl) f»od)ftel)ende
und nachahmenswerte Rid)tung anzunehmen.
ünd in der Cat finden wir ftier derke, die durd) ihre ergreifende, ftaunenswerte
Realiftik, ihre bezwingende Sicherheit in der Behandlung des Materials, ihre vollendete,
oft ungemein zierliche Formengebung und iltre ausdrucksvolle, gewinnende Änmut,
würdig erfdteinen, jene Bedeutung für die Kunftgefd)id)te beigemeffen zu erhalten,
die die deutfd)e Bildltauerkunft der Gotik bereits erlangt htat.
ünd lebten Endes müffen fie ja auch als foldte jener herrlid)en Kunfttaten bewundert
werden, die das an Menfd)enliebe fo reichte, unfterbliche Buch des heiligen Evangeliums
verbildlichen und uns das neue Ceftament in fo menfd)lid) rührenden Darftellungen
vor Äugen führen!

Eine fpanifdte ßolzplaftik des 13. Jahrhunderts

Mit einer Tafel Von AUGUST L. MAYER


Der gotifdje Stil, von hervorragenden franzöfifdjen Künftlern frühzeitig auf fpani-
fchem Boden gepflegt, fand bei den fpanifdjen Bildhauern feljr bald volles Ver-
ftändnis. In den franzöfifchen derkftätten, die in Burgos, Leon und anfdjeinend
auch an der Oftküfte im 13. Jahrhundert tätig waren, halfen Spanier fid)tlid) als aus-
führende Meifter mit. Die Bildwerke in Safamön und Burgo de Osma find dann die
früheften umfangreichen 3eugniffe felbftändiger Cätigkeit unter franzöfifdtem Einfluß.
Neben Steinfiguren frühgotifdjen Stils haben fich verhältnismäßig nur feltr wenig Fjolz-
plaftiken diefer 3eit erhalten, meiftens Madonnen. Die Fjolzfigur des Königs Ordono
in der Kathedrale von Leon, zu der einft ein fliehender Mond) als Gegenftück exiftiert
haben foll, ift eine um fo bemerkenswertere Seltenheit. Vielleicht noch älter als diefes
derk, das fd)werlid) vor 1300 entftanden ift, dürfte eine lebensgroße, gekrönte weib-
liche Figur der Sammlung Carlos Vallin in Barcelona fein. Es ift nicht völlig klar, ob
wir in diefer Geftalt eine „hl- Jungfrau der Verkündigung“ oder eher eine andere weib-
liche Fjeilige zu erblicken haben. Äls weltliche Königinfigur ift fie wohl kaum auf-
zufaffen.
Die Skulptur mutet etwas archaifd) an. In ihrer übertriebenen Länge erinnert fie
noch ein wenig an die frühen von Chartres abhängigen Figuren. Auch befiijt fie nicht
nur etwas blockmäßig Gebundenes, fondern gemahnt an die „Statues-Colonnes“. In
dem Lineament der unteren Faltenfäume fprid)t fid) am meiften die fdjon relativ vor-
gefchrittene Epoche, das heißt» es verrät fid) hier, daß wir es nicht mehr mit einem
derk vom Beginn des gotifdjen Stils zu tun haben. Der fpanifch-provinzielle Cha-
rakter kommt am ftärkften in der Behandlung des Kopfes, im Schnitt von Nafe und
Äugen zur Geltung.

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