Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Neue Literatur zur afiatifdjen Kunft

Neue Büdjer
Die Ergebniffe der 'Curfan-
Expeditionen
A.v.LeCoq, Die buddhistische Spätantike
in Mittelasien. I. Teil: Die Plastik. Verlag
Dietrich Reimer (Ernst Vohsen). Berlin 1922.
Nach jahrelanger Vorbereitung liegt nun diefes
prachtvolle und großzügig angelegte Dokument
der Curf an-Expeditionen vor, das für die Ge-
fehlte der afiatifcben, fpeziell auch der oß-
afiatifcben Kunft von nicht zu unterfcbätjender
Bedeutung ift. Denn es trägt zum erftenmal
Licht in einen der Hlißenfcbaft bisher völlig un-
bekannt gebliebenen, großen Bezirk Mittelapens
und zwar in ein Gebiet, das nach der Anfid)t
von Le Coq einmal eine große Vermittlerrolle
zwifchen Often und Hießen, zwifchen hellenifdjer
Kultur und den buddhiftifchen Reichen Oßapens
gehabt haben foll. — Die Anregung zu den vier
in dem 3eitraum von 1903 —14 ausgeführten
verfcbiedenen Expeditionen erwuchs unmittel-
bar dem Programm des Berliner Völkerkunde-
mufeums, wo bereits feit vielen Jahren plan-
mäßig alle Produkte der religiöfen Kunft Indiens
und feiner Nachbarprovinzen gefammelt wurden,
die Prof. F. (XI. K. Müller durch eine von Adolf
Fifcher zufammengebracbte Sammlung buddbißi-
fd)er Skulpturen aus Japan und China glücklich
erweiterte. Nachdem mehrere Archäologen von
Ruf vorbereitend die erften Ruinenftätten des
Curfangebietes erkundet hatten, rüßete das Ber-
liner Völkerkundemufeum im Jahre 1902 feine
erfte von Prof. Grünwedel und Dr. G. Fjutb 9e"
führte Expedition aus, der zwei Jahre fpäter eine
zweite vom Verfaffer des vorliegenden HIerkes
geleilete folgte. Le Coq hat dann 1905 und 1907
noch einmal mit Grünwedel gemeinfam das Curfan-
gebiet erforfcbt und ift zuletjt 1913/14 nochmals
in 3entralapen gewefen. Uber die Gefchicbte
der Expeditionen gibt das Schlußkapitel der Ein-
führung des vorliegenden HIerkes Auskunft.
Für die Hlißenfcbaft felbft follte dagegen das
erfte Kapitel diefer Einleitung unter dem Eitel:
„Gandhara und Oftturkißan“ grundlegend wer-
den, obwohl zu fürchten ift, daß pd) derKunß-
hiporiker im Gegenfatj zum Völkerkundler ge-
wiffen Cheorien Le Coqs im Sinne der funda-
mentalen Gefchicbte der zentralen und hinter-
aßatifcben Kunft mit aller Schärfe und geßütjt
auf gewichtige Catfachen widerfetjen wird. Ein
zweites überleitendes Kapitel iß fpeziell der
Cecbnik jener Plaftik gewidmet, die auf 45 erft-
klaffigen und zum Ceil farbigen Lichtdrude- und
Kupferdrucktafeln als wicbtigßer Beftand der
monumentalen Publikation zufammengeßellt und
in einem ausführlichen Verzeichnis, deffen Exakt-
heit man dankbarß begrüßen wird, eingehend
befchrieben ift.

Völker- und kulturgefcbicbtlicb iß für Le Coq
das wicbtigße Ergebnis der Expeditionen die
Feßßellung, daß jenes Gebiet von Gandhara, das
zwifchen den Südufern desKabulßuffes und den
Gipfeln des I^indukufch gelegen, gewißermaßen
die Sdjwelle Indiens iß, Jahrhunderte hindurch
nach dem 3ug Alexanders d. Gr. Pßegeftätte
hellenifcber Kultur gewefen fei. Ferner daß erft
um 150 v. Chr. der Buddhismus in diefe belleni-
fierten Gegenden feinen Einzug gehalten, der
aufbauend auf den überlieferten antiken Ele-
menten hier bereits im erßen nachchrißlicben
Jahrhundert eine eigentümliche religiöfe Kunft
hätte erßehen laßen, die den Formenfcbatj der
antiken Hielt übernimmt, ihn aber buddbißifd)
umgedeutet und mit indifchem Geift erfüllt hübe
(Analogie: die chrißliche Antike Hlefteuropas).
Diefe buddhßtifcbe Antike foll nach Le Coq —
was von den Kennern der oßapatifeben Kunft
niemals anerkannt werden dürfte — die Grund-
lage für die religiöfe Kunß aller buddhißi-
fchen Völker Apens, China und Japan inbe-
griffen, gewefen fein. Erft diefe Gandbara-
fcbule hätte nach antikbellenifd)em Mußer
den Cyp des Buddha gefebaffen und außer
ihm feien viele andere Entlehnungen der glei-
chen Quelle entnommen v/orden, fo daß man
die buddbißifcbe Kunß und Kultübung der Inder
und Chinefen ohne Kenntnis diefer indifcb-belle-
nißifeben Mifcbkunft von Gandhara überhaupt
nicht verfteben könne. Diefer Kulturkreis von
Gandhara habe ein viel weiteres Gebiet als das
oben geograpbifd) befebriebene umfpannt. Es
hätte einerfeits nach der Südweßecke von Cbi-
nepfch-Curkiftan übergegriffen, wo pd) mög-
licherweife Beziehungen zur faßanidifeben und
iflamifchen Antike angeknüpft haben (von Le
Coq nur als Fjypotbefe angedeutet), andererfeits
nad) Oftturkißan, wo pd) augenfällig der Über-
gang ins Oßapatifcbe entwickelt habe. Gerade
Oßturkißan hat zweifellos, wie Verfaßer aus-
führt, einmal eine wichtige Vermittlerrolle zwi-
fchen Iran und dem römifeben Orient auf der
einen Seite und zwifchen Indien und China auf
der anderen gehabt und fei darum vornehm-
lich Bindeglied zwifchen der Kunß der Gan-
dharafchule und derjenigen Chinas gewefen.
Hlas Le Coq weiterhin noch als Ethnologe
über die Volksftämrne entwickelt, die wie die
Yüe-ci im 3. Jahrhundert v. Chr. erobernd in
HIeftd)ina eingedrungen pnd und von den
f)iong-nu um 176 nach Hießen zurückgedrängt
wurden (beide der großen indogermanifeben
Völkerfamilie angehörend), ift ungemein feßelnd
und wißenfcbaftlicb von überrafd)enden Per-
fpektiven, interefpert jedoch im Sinne diefer
3eitfd)rift weniger als jene oben angedeuteten
hypothetifchen Feftftellungen der bisher völlig
unbekannten Gandhara-Kultur, mit der pd) die
apatifebe Kunftforfcbung zunäcbß einmal gründ-
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Der Cicerone, XV. Jaljrg., fjeft 6

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