Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Sammlungen
Neuerwerbungen des B'agriffen
National mufeums
Der regen Ärbeit diefes Inftituts iß zu ver-
danken, daß im Januar ein ganzer Saal Neu-
erwerbungen eröffnet werden konnte, Dabei
handelt es fid) allein um Erwerbungen, die zwi-
fcßen April und Dezember 1922 liegen. Kläre
fcbon an fid) Kritik nur möglid) durd) genaue
Erörterung der Verteilung des Budgets, gemeffen
an der Verteilung des Angebotes, fo bat folcbe
Kritik jetjt überhaupt zu verftummen angeficbts
der deutfcben Lage: man muß dankbar fein,
wenn beute derart kräftige Beftandserweiterung
überhaupt nod) möglich ift. Die Bewunderung
fteigt eher als daß fie fd)windet, wenn man er-
fährt, daß manches als Gefcbenk verzeichnet
werden darf. 3U danken wäre hier Fjerrn Fj-
Fjütter (Vermächtnis), fodann dem Kronprinzen
Rupprecbt und derPrinzeffin Cherefe von Bayern,
der Firma H S. Drey, dem Münchner Ältertums-
verein (Leihgabe) und Fjerrn q Kißinger.
Indem ich mich alfo berichtend halte, und zwar
d)ronologi[d), erwähne ich zuerft ein Goldkreuz
mit 3ellenfd)muck aus der Völkerwanderungszeit
und eine Scheibenfibel aus der 2 FJälfte des
1. Jahrtaufends. Hls erftes Fjauptßück ift fodann
ein romanifcher Elfenbeinkamm zu nennen mit
reicher Figurenfcbniberei, aus dem Beptje der
hl. FJildegard von Bingen ftammend (f 1179).
Dr. Berliner wird diefe Arbeit im „Cicerone“ be-
handeln. Sodann führt ein Kopf aus Sandftein,
wenngleich Fragment, nahe an das Bamberger
Fürftenportal heran. Er ift in Bamberg gefunden
worden. Ein zweites Fjauptßück ift ein Ante-
pendium (Maria mit dem Kind und den drei
Königen), ebenfalls aus Bamberg. Man wird es
in die erfte Qälfte des 14. Jahrhunderts feßen
müffen (köftlid)er Erbaltungszuftand der Seiden-
ftickerei). Von nicht geringer Bedeutung erfcbeint,
in alter Faffung, eine FJolzpgur, Maria auf dem
Löwen: vielleicht falzburgifcl), in der milden
Biegung jedenfalls um 1400 anzufetjen, auf ein
Gnadenbild zurückgebend, das pd) in vier Rep-
liken erhalten hat. Ein Auffa^ Dr. Lills wird im
„Cicerone“ hierüber berichten. Ferner ßnd zwei
zufammengebörige Gemälde, Cafeln eines öfter-
reid)ifd)en Malers um 1460—70 hervorzuheben,

und dann ein Altarflügel eines Meifters nach 1500,
wohl oberfchwäbifd).
Aus nachmittelalterlicher 3eit ragt hervor die
große FJolzftatue eines Bifd)ofs aus der Karme-
literkird)e in München, eine kraftvolle, wenn
auch ein wenig derbe Arbeit aus dem Beginn
des 16. Jahrhunderts. Es fcbließt pd) ein großer
Kruzipxus an, Niederbayern, wohl erft um 1530.
Ein kleines Lindenholzrelief (Ariftoteles und Pbyl-
üs) gehört in den Kreis der Meißer der Parallel-
falten und pammt aus Kaufbeuren, um 1525. Es
enlpuppt pd) als Gegenftück zu einem „Salomon
vor den Götjen“ im Germanifcben Mufeum. Beide
Arbeiten werden einem Faffadenfcbrank zugehört
haben. Ein Conrelief, Kalvarienberg, iß fchwer
zu lokalifieren und kaum vor 1550 entftanden.
Eine kleine weibliche Bronzeßgur, um 1550, glaubt
man dem Meißer G. F. zufd)reiben zu können,
von dem fignierte Stücke in Nürnberg und Berlin
erhalten pnd.
Aus der 3^it des 17. und 18. Jahrhunderts
feien drei Engel aus demBennobogen der Frauen-
kird)e genannt (1605), fodann ein Gemälde (Maria,
von Fjeiligen verehrt) von J. B. de Ruel, der in
Klürzburg tätig war, 1681 datiert. 3U dem Aib-
linger großen Qolzapoftel wurde ein Gegenftück
erworben, eine derbe Arbeit aus der Mitte des
18. Jahrhunderts, die man nicht überfd)ätjen wird.
Ebenfower.ig wird man dies bei den Landsbuter
Stifterreliefs tun, trotz der ausgezeichneten Farb-
erbaltung.
Ein in lichtem Öl ausgefül)rter Entwurf zur
Bavaria und Ruhmeshalle von Klenze führt über
das 18. Jahrhundert hinaus.
Nicht zu unterfcbätjen ift der 3uwacbs an
Gläfern vom frül)eftenMittelalter bis zum ^.Jahr-
hundert, fowie an guten Porzellanen.
3um Schluß fei angemerkt, daß das Mufeum
auch anderweitig an der Ärbeit ift. Eine Neu-
auflage des wiffenfcbaftlichen Gemäldekatalogs
iß für 1923 angekündigt. Qnd für 1924 eine Neu-
auflage des Miniaturenkatalogs.
Neben den Spezialabhandlungen, foweit fie
noch erhältlich, iß indeffen tapfer tätig für das
weitere Publikum ein kleiner, febr brauchbarer
„Klegweifer“ und ein jüngß erfcbienenes, wort-
lofes, verblüffend billiges FJeft mit gegen 100 Ab-
bildungen des Meißerlichften. Ein wiffenfchaft-
licher Plaßikkatalog in drei Bänden aber foll
1923 zu erfcbeinen beginnen. F. Roh-

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