Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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direkt im Anfcßluß an die Morte des Älten üeftaments: „Denn von dem Brunnen
pflegten [ie die Pferde zu tränken, und lag ein großer Stein vor dem Locß des Brunnens,
ünd fie pflegten dafelbft zu verfammeln, und den Stein von dem Brunnenlocß zu
wälzen, und die Scßafe zu tränken, und taten alsdann den Stein wieder vor das Locß
an feine Stelle.“ Mie ftreng fid) Murillo an dies Bibelwort gehalten, ift aud) durcß
die Betonung des großen Steines erficßtlicß. Die Landfcßaft felbft ift in rötlicßbraunen
Cönen gehalten, reicße ftarke Scßatten und mildes Ließt, ßerbftlicße Stimmung und
warme fonnige Atmofpßäre. Der Baum in braun. 3u der Harmonie des Bildes
tragen noeß die fanften Farben der Kleidung der Figuren bei.
Die Glanzftücke Murillofcßer Kunft der Sammlung Boross bilden zwei ausgezeießnete
Bildniffe edler Spanier. Mäßrend vom Meifter religiöfe Bilder in großer Menge vor-
ßanden find, ift die 3aßl der Porträts, die wir von ißm kennen, nur befeßränkt. Sie
fallen zumeift in die drei lebten Jaßrzeßnte feiner Scßaffensperiode und find etwa
zwifeßen 1645 und 1680 entftanden. Er porträtierte mit Vorliebe Männer. 3umeift
feßuf er Bruftbilder, daneben aueß einige Bilder mit lebensgroßen Geftalten, gelegent-
licß malte er aueß Gruppen von Porträts, fo z. B. auf feinen religiöfen Bildern: Die
Purifima mit vereßrenden Gläubigen (Paris, Louvre) und die Madonna mit dem Cßriftus-
kind, an Pilger Brot verteilend (Budapeft, Mufeum1). Nur in feltenen Fällen feßeint.
er Frauen porträtiert zu ßaben. Eigentlid) kommt ßier nur ein, allerdings edles Bildnis
in Betracßt, das die Dona Juana Eminente (Pßiladelpßia, Koll. Joßnfon) darftellen foll.
Das Bildnis der Madre Francisca Dorotea Villalda (Sevilla, Katßedrale) ift erft naeß
dem Code der Dargeftellten entftanden, und das im Mufeum zu Nantes aufbewaßrte,
unerfreuließe weiblicße Bildnis kann kaum als Porträt im eigenen Sinne aufgefaßt werden.
Die Bildniffe der Sammlung Boross ergänzen in willkommener Meife unfere Kenntnis
von Murillo als Porträtmaler und bereießern das Oeuvre des Meifters um zwei feßr
bemerkenswerte Stücke, die jeder ernften und vorneßmen Sammlung nur zur Eßre ge-
reießen können. Das Bruftbild eines Mannes erwarb der gegenwärtige glückließe Be-
ßrer vorigen Fjerbft in London und erkannte darin ein Originalwerk Murillos, was
aueß Äuguft L. Mayer anläßließ eines Äufentßaltes in diefem jaßre in Amerika vollauf
betätigte. Er datiert dasfelbe etwa naeß 1660, fo daß es ungefäßr in derfelben 3c*t
wie das Rundbild eines Edelmannes (Paris, Louvre) gemalt fein dürfte. Das Borossfcße
Bildnis zeigt die energifeßen 3üge eines Mannes in mittleren Jaßren mit ausrafiertem
Bart. Die dunkle Maffe des Fjauptßaares und der Gewandung kontrahiert ftraff mit dem
Inkarnat und dem weißen Kragen. Das Gefußt ift etwas voll und kräftig, der Blick
fafziriierend und lebendig.
Von noeß größerem Reiz und Bedeutung, ein waßres Galerieftück, ift das andere
Bildnis Murillos der Sammlung Boross. Bier ßaben wir es mit einem impofanten
lebensgroßen Porträt eines waßrßaft vorneßm ausfeßenden Mannes zu tun, wie wir
es von anderen Merken Murillos gewoßnt find. Seine lebensgroßen Porträts in ganzer,
fteßender Geftalt find äußerft feiten. Die Sammlung Ä. de Beruete in Madrid bewaßrt
das des Santiagoritters Enriquez — woßl das früßefte Bild diefer Art —, die des Lord
Nortßbrook (London), das des Don Andres de Andrady y Col, die des Marquefa de
la Creta (Mallorca), den fogenannten Juden, die des fjerzogs von Alba (Madrid), das
des Don Gabriel Efteban Murillo. Diefen reißt fieß das Bildnis eines vorneßmen Mannes
an, das früßer bei Julius Boßler war und nacßßer in den Befitj von Franqois Kleinberger
gelangte2. Gleicß dem Borossfcßen Bruftbild ift aueß das diefer Sammlung angeßörige
1 Äuf dem Budapefter Bilde (Nr. 304) fiebt man unter dem Dargeftellten links das Bildnis des Don
Juftino de Neve, Kanonikus der Katßedrale von Sevilla, welcßerl678 das Bild für das Refektorium
des Spitals der Venerabilis Sacerdotes derfelben Stadt verfertigen ließ. Murillo malte bereits früßer,
wie Äug. L. Mayer angibt, etwa zwifeßen 1655 und 1665 das lebensgroße Porträt des Kanonikus,
dargeftellt in einem Leßnftußle fißend, vor ißm am Boden fein ßund (BowoodFjoufe, LordLandsdowne).
2 Befprocßen von Äug. L. Mayer und abgebildet im Burlington Magazine (vol. XXIV, S. 231).

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