Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

Page: 658
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1923/0684
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
großen Raum vor. Ganz bod) über Schrank und Porträtmedaillen bängt die Fünfzigmarkfchein-
popularität des Bürgermeifters ßrauweiler von Bartbel Bruyn. Klelcber Riefe kann die Oberfläche
diefes Meiperwerkes genießen? Man endet im Kaiferfaal der italienifcben Renaiffance. Es ift
nicht fd)ade um die Plaftiken und Bilder, die nicht (wie der Paris Bordone) eine ruhige ttland
haben. Fjod) oben beleidigen Gobelin-Lineale den lebten Reft von Raumgefühl.
lüas ift der leitende Gedanke der neuen Anordnung? Die gefcbicbtlicbe Reihung. t£Iarum werden
dann nicht alle Fjauptmeifter gefcbloffen gezeigt wie der fogenannte Meifter tdilbelm und Stephan
Locbner? Der weftfälifdje Kreis findet ficb nicht zufammen. Einige Altäre find auseinander ge-
riffen und zum Ceil nicht aufgeftellt. Die Anordnung fpielt überall mit Milieu. Dazu pnd
die berrlicbften Schäle deutfcber Nation zu fcbade. Man hebe fie heraus, zeige auch in der
Raumverteilung, was pe bedeuten. Vielleicht ip noch nicht jede Möglichkeit des großen Eindrucks
verloren, wenn nur die Plaßik verfcbwindet. So ip es nicht Fifd) und nicht Fleifd). Größte
Meiperwerke brauchen keinen Dekor, vertragen ihn nicht.
Man hat intereffante Entdeckungen im Magazin gemacht. Aber wozu die Fülle des Mittel-
mäßigen? Die Mufeen pnd doch nur deshalb Leichenkammern, weil fie in der Fülle erpicken. Das
{£Iallraf-Ricbart$-Mufeum erftickt fein Lebendigftes. Für die Ausßellung der Magazinpücke hätte
man viel mehr Raum haben müffen.
Es wurde eine endgültige Aufftellung gefordert, das Publikum foll pcb an die Bilder und ihren
fepen Platj gewöhnen. In einer europäifcben Fjauptßadt fagte mir kürzlich einer der erfolgreicbpen
Mufeumsdirektoren, der fap jeden Monat alles auf den Kopf pellt: „Id) mache es wie die Oper,
ich habe nicht die Mittel für neue Sachen, aber ich ändere die Kuliffen.“ Alles ift lebendiger,
wenn es im Fluß bleibt, die Möglichkeiten, Meifter und Bilder in immer wed)felnde reizvolle Be-
ziehungen zu bringen, können fo leicht nicht erfcböpft werden. Die Leute werden von jedem
Befud) um einen neuen Eindruck reicher zurückkehren und alfo oft hingehen.
tüenn die Kölner Neuordnung als Ganzes nicht befriedigt, fo liegt das zweifellos auch an dem
unglücklichen Bau, dem befcbränkten Raum, den begrenzten Mitteln. Aber das Prinzip erfordert
fachliche Einwände, deren vorzeitige und endlofe Diskuffion durch ein Gutachten nur äußerlich
entfd)ieden ift. ttlie die Methode angewandt zu werden verdient, kann man im Lichthof des
Kunftgewerbe-Mufeums, in der Rokoko-Husßellung feben. Diefe Miniaturkunft verträgt fogar das
angezogene Mannequin. Porzellan, Bild, Buch, Fächer, Möbel, Gobelin, Monpranz, Plapik, Stop,
das alles verbindet fid) l)übfd) und erfreut die artigen Leute. Fjinge man aber den Gilles des
ülatteau hinein, fo wäre heftig zu proteftieren.
Für die Cradition Fjagelßanges hat das ttlallraf-Ricbartj-Mufeum den Direktor Dr. F). F. Secker.
Er wird in den ihm belaffenen Räumen Barock, Rokoko, die zweite Kölner Schule und die Mo-
derne zeigen, diefe Kunft, um die man mit Leidenfcbaft kämpfte, und von deren Manifepationen
nach Fjagelßanges Cod nur allzu oft und fchmerzlicb gefagt werden mußte: Huch das noch!
tüir wollen nicht ungerecht fein. Huf dem Ring, in der Buchhandlung öüolffobn pellt feit einiger
3eit Karl Nierendorf aus. Das ift ein Kunftbändler mit Nafe und magemut. Er brachte Klee
nach Köln, viel Klee. Sehr nötig! Es gab Nolde-Hquarelle, Kandinsky und immer wieder Dix,
die befte Nummer feines Stalles. Augenblicklich zeigt Nierendorf das Bauhaus, die Meifter und den
Sepp. Das ift fo: Klee als Grundton, herrliche Blätter, dann Kandinfky mit Bildern und Aqua-
rellen, Feininger wandelt zum Landfcbaftlicben ab, Schlemmer zur Konftruktion. Ganz ftarr peben
daneben die reinen Formen Moboly-Nagys. Von Sepp Maltern, dem Schüler, pebt man ein Aqua-
rell, Fjaus, Schirm, Leiter und etwas wie Kaulquappen, fo leicht und luftig, daß man einfach Sepp
fagen möchte. Begabt, aber jubeln wir nicht zu früh.
ödir haben auch Flechtheim in Köln, aber den Gemäßigten — Franzofen nur im Fjinterzimmer.
Flechtheim, ein bißchen Filiale Flechtheim ift für Köln eine gute Sache, bedeutet Bewegung und
gute Bilder. Jetp hängt Oscar Moll. Köln macht Fortfehritte, lernt an Matiffe-Erfatj.
Es gibt noch den Kunftverein, obwohl fid) Stucks Amazone quer vor den Eingang legt. Eine
tüand hat dort jeljt der gefd)mackvolle Jofef Kölfd)bad). Immerhin das Beße im gegenwärtigen
Köln, feine lebten Bilder fpielen gefd)ickt mit Syntbefe und pnd in Gelbbraun dem ein wenig
äbnlid), was Burcbartj vor Jahren in anderen Farben machte. Der Rep der Ausftellung ift unbe-
fcbreiblid). Die Gepcbter der davon Entzückten muß Otto Dix feben. Dix muß nad) Köln kommen!
ülas für Modelle! Diefe Gepnnung nebft obligatem rbeinifebem Frobpnn muß er malen, als Hinter-
grund die letjte Gabe des Kölnifchen Kunftvereins an das weßrlofe tüallraf-Ricbartj-Mufeum.

658
loading ...