Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Drei 3uftände durd)fd)reitet [ein äußeres Leben. Er ift nacheinander: Bürger, Künftler
(im fozialen Sinne), „milder“ unter tUilden.
Das letztere war für ihn gleichbedeutend mit „Menfch [ein unter Menfd)en“ in des
tUortes reinfter Bedeutung. Die Sivilifation Europas fchien ißm der Gegenpol einer
J'olchen Änfchauung. Und er war ftark genug, trotj aller Verfügungen fchließlich die
letzte Konfequenz aus feiner Erkenntnis zu ziehen: als Maori zu fterben, ein Ärmer
unter Ärmen: „Älle meine 3weifel fmd gefcßwunden. Id) bin und bleibe ein Ulilder“.
Gauguin und die Frau. Darin war fein Scdjickfal perfönlid), wie immer zwifd)en
Mann und ÜJeib. Unnütj, von Cragik zu fpred)en. Die Erfcßeinungsformen find un-
endlich und ohne Norm. Gauguin brauchte die Frau. Aber niemand wird ernftlid)
behaupten, fie habe ihn zugrunde gerichtet, weder den Künftler nod) den Menfdtjen.
Er hatte die Eße als unmoralifd) erkannt, und er warf fie von pd). Die körperliche
Erfcheinung der europäifd)en Frau war ißm zuwider. Er fah in ihr verderbliche
Spuren einer gehaßten 3iviiifation. Sein Ideal wurde die Frau von Cahiti: mit dem
breiten Oberkörper, dem fdrjmalen Becken und den Beinen „wie zwei Säulen“. (Denn
er die üaßitanerin malte, fah fie ftets aus wie eine geborene Königin.
Er war gewiß kein guter katl)olifd)er Cl)rift und allen äußeren Gemeinfcbaften feind.
Die zurückgedrängten Götter Cahitis predigten ihm eine beffere Moral als die Diener
der Miffion. Mit 3äb)igkeit fpürte er den Kultgeßeimniffen der Maori nach- Sie
fpiegelten ihm wahren Glauben und lebendige Philofophie, menfchlid)e Uleisßeit und
Äd)tung vor dem ewig Unergründlichen. Im Grunde war er 3weifler, aber von der
pofitiven Art: er wußte, daß den Uliderwärtigkeiten des Lebens ebenbürtige Freuden
das Gleichgewicht leiten. Und er konnte fiel) freuen! Grad an der Buntheit des
Lebens, die auch das feine kennzeichnet. Es ift keine Refignation, fondern eine Feft-
ftellung aus Einficht, wenn er fchreibt: „Arbeit ohne Ende — was wäre fonft das
Leben? CUir find, was wir allzeit waren und allzeit fein werden, ein von allen füinden
gefchaukeltes Schiff.“ Kurz hinterher aber heißt es: „Ich meine, das Leben hat nur
Sinn, wenn man es mit CUillen oder zumindeft nach Möglichkeit feines tüillens lebt.“
Er tat es. Ja orana, Gauguin!
Äus Gauguins Schriften
(üeltanfchauung
„CUir wiffen, und wir wißen nicht
ich möchte euch alfo fragen: ob wir, wenn wir rechnen gelernt haben, fo notwendig
richtig find.
CUillen haben heißt: il;n haben wollen.
Unempfindlich wie ein Stein heißt aud) ftark wie ein Stein fein.
Nur klare Situationen
(Dann wird der Menfch verftet)en, was Menfchlichkeit heißt?
ülenn die Menfcßen ihre 3eit doch nicht mit unnützen Änftrengungen und Arbeiten
verlören, die nichts mit ihnen zu tun haben!
Ich entwickle mich normal [auf Eabiti] und befd)äftige mid) nid)t mit uunüben Dingen.
Man muß eins von beiden [ein Ulilder oder ein Kind] fein, . . um zu glauben, daß
ein Künftler — ein nütjlid)er Menfd) fei.
So niedergefd)lagen id) auch fein mag, pflege ich mein Vorhaben doch niemals aufzu-
geben, ohne alles, felbft „das Unmögliche“, verfud)t zu haben, um zum 3iele zu gelangen.
Id) bin weit fort von jenen Gefängniffen, den europäifd)en fjäufern.

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