Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Anstellung en

(Jeitläufte kämpfen, ift er der Überzeugtefte und
Uberzeugendfte. Denn durd) ihn fd)einen all
diefe Dinge irgendwie felbft fid) zu äußern,
während im Strich der anderen (Grosz ufw.) die
Ironie zu fpüren ift, die aus dem Gefühle der
agozentrifd)en Überlegenheit ftammt. Das tüid)-
tigfte diefer umfaffenden Schau fteckt wohl in
den Aquarellen, deren Farbigkeit durch raffinierte
Cechnik der Bintermalung des Papiergrundes
aud) das Graußgße nod) in jene Sphäre hinüber-
rettet, deren Grenze nun einmal den Künftler
vom Parteiführer irgendwie trennt. E. v. S.
Karlsruhe
hier wird immer nod) wenig Nennenswertes
in den Ausftellungslokalen geboten; dies ift um
fo bedauerlicher, weil in manchem Atelier fchöne
Klerke entftehen. So verlohnt fid) nur fum-
marifcher Rückblick über die lebten Aushei-
lungen, denn was man an öffentlicher Stelle
Jieht ift meift nur Provinzkunft in örtlichem und
zeitlichem Sinn.
Den früheren Daten des Kunftvereins ift wenig
hinzugefügt worden; Ausheilungen meift von
Karlsruher Malern, die wenig neueCöne brachten.
Dann einige größere Kollektionen, deren „Meifter“
dann gewöhnlich in der Cagespreffe oder im
„Gered“ als kommende Männer oder gar als
Retter der verwelfd)ten deutfchen Kunft gefeiert
werden. Cypifd)er Provinzenthufiasmus, in dem
allerdings nur zu oft geheime arrogante Cöne
erfchallen, als fei hier (im Gegenfajj zu den ver-
haßten Metropolen) der Ort, an dem die wahre
Kunft blühe, tüenn ab und zu in den fd)önen
Räumen des Kunftvereins ein gutes Bild auftaud)t,
fo wirkt es faß wie verirrt.
Es bleiben die Kulthandlungen. Sie haben
keinen leichten Stand, weil die Anfprüche des ein-
heimiföben Käuferpublikums fid) leider immer mehr
dem Niveau des Kunftvereins angeglichen haben,
öm fo mehr find die Anftrengungen zu loben,
die der zeitgenöffifd)en Kunft gelten. Moos hat
im f)ert>ft eine größere Graphik Ausheilung
badifcher Künftler gebracht, in der viel Poßtives
von gegenwärtiger badifcher Kunft zu fehen
war. Die Jugend feijte fid) hierbei mit Recht
infolge ihrer zum teil bedeutenden Qualitäten
ftark durd), die Schule Fjaueifens ebenfo wie die
Schüler Babbergers oder einige ftille Calente wie
etwa die feltfam begabte Coni Stern (mit afze-
tifd) präzifen Bildniszeichnungen) oder fjubbucf).
In einer der nächften Ausheilungen lenkten frifche
und zugleich kultivierte Arbeiten des Fjaueifen
Schülers Leo Kahn die Aufmerkfamkeit auf fid).
Später brachte Moos eine reiche Kollektivaus-
ftellung von tüerken des feit längerer 3eit an
der Landeskunftfchule wirkenden Schnarren-
berger. Als vortrefflicher Gebrauchsgraphiker,
dem ttlijj und Phantafie nicht ausgehen, ift
Schnarrenberger bekannt. Die große 3ahl viel-
fältiger Entwürfe für Plakate, Packungen, Schilder

ufw. erwies die volle Berechtigung des guten
Rufes. Daneben ließen aber aud) die phan-
taftifchen 3eid)nungen, grotesken Entwürfe und
einige Ölgemälde die handwerklich^ gefeßigte
Überzeugungskraft und künftlerifche Überlegen-
heit diefes in den Bahnen des neuen fad)lid)en
Realismus fid) bewegenden Künftlers erkennen.
Bei Sebald, der fid) früher fehr ftark für die
Moderne eingefetjt hatte, ging es in den ver-
floffenen Monaten etwas flauer zu. Unter anderem
zog dort die Graphik Bans Sdjoenlebers, des
Sohnes von Guftav, die Aufmerkfamkeit auf fid),
In bezug auf den Inhalt fpukhafte Phantaftik,
die in ihrer unmittelbaren Stärke zuweilen an
Kubin erinnert, in bezug auf die Kunftform, die
fid) des Kupferftid)es und F)olzfd)nittes bedient,
bewußter Anfd)luß an altdeutfche Vorbilder; man
fpürt etwas von der Uragik des Gebildeten und
muß fid) fragen, ob nicht die deutlich fpürbare
künftlerifcbe Vitalität von den Feffeln hißorifchen
(Xliffens vergewaltigt wird. Die volle negative
Seite der „altmeifterlichen <Heife“ zeigte fid)
in wirklich erfcßreckender Nacktheit bei der Aus-
heilung der Schüler B- A. Büblers, in der Arbeiten
von geradezu verwegenem Epigonentum und
fentimentalem Färb- und Form-Myftizismus in
die Sackgaffe des künftlerifd)en Sinnierens
leuchteten.
Eine neue Ausftellungsmöglid)keit mitgünftigen
Räumlichkeiten hat die Galerie Birfch gefd)affen.
In ihren erften Ausheilungen hat fie wohl not-
gedrungen dem Karlsruher Kunftgefcbmack Cribut
gezahlt. 3ulGfet brachte fie eine kleine Kollektion
von Bodenfeeftudien R. Bedwegs. Bßdweg, einft
Schoenleber-Schüler, hatte früher mit merken
mondäner Gepflegtheit in Karlsruhe viel Erfolg
gehabt. In den letzten Jahren hat er durd) eine
ernfthafte Auseinanderfeljung mit der modernen
Kunft eine ftarke Entwicklung genommen, als
deren Ergebnis eine aufgelockert farbige und
atmofpbärifd) bewegte Ausdrucksweife von un-
mittelbar fuggeftiver Cüirkung ent|tanden iß. Er
ift aus der älteren Karlsruher Schule nahezu der
einzige, der fid) einen inneren Kunßkampf zu-
gemutet hat. Das Refultat: er ift über die Stadt
hinausgewachfen, d. h- um feinen guten Ruf in
Karlsruhe iß es gesehen; um fo beffer wird
fein Name in Deutfcßland fein. Der Fall ift
typifd).
Für das Jahr 1923 ift eine große Kunftausftellung
geplant, die im Verein mit der deutfchen Kunß-
genoffenßhaft organifiert werden foll. Es wäre
zu wünfchen, daß der Geiß der deutfchen Kunß-
genoffenfchaft, wie er fid) in ihren lebten Aus-
heilungen gezeigt hat, nicht allzu fehr auf dem
Unternehmen laftet. B- C.
Saarbrücken
Die „Vereinigung der Kunftfreunde an der
Saar“ (Saarbrücken) veranftaltete im vergangenen
Dezember in den Curnräumen des Realgymna-

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