Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Äusftellungen

verdorbenen Emil Hannover begleiten. Aus der
Feder diefes unendlich fleißigen, umpchtigen und
kenntnisreichen Mannes, in dem Dänemark einen
zweiten Juftus Brinckmann befaß, ftammt zwar
noch diefer neue Bericht über die Neuerwer-
bungen pp. des Jahres 1922, aber eingeleitet
wird der reich illuftrierte Band mit dem Bildnis
Hannovers und einem Nachruf auf den Verdor-
benen aus der Feder von Harald Bing. Genau
wie im vorletzten Berichtsjahre ift auch 1922 vor
allem die odafiatifche Abteilung und hier be-
fonders die Gruppe von China-Keramik und
Porzellan durch wichtige und erftklafßge Er-
werbungen erweitert worden dank einem befon-
deren Fonds, den Freunde oßapatifcher Kunft dem
Mufeum zur Verfügung geftellt haben. Diekoft-
barften Stücke find im Jahresbericht abgebildet.
Das gleiche gilt von den Erwerbungen, die das
übrige Äßen betreffen, unter denen ein pame-
fifcher Schrank mit Goldlacküberzug des 18. Jahr-
hunderts, vor allem perfifche und fyrifche Fay-
encen zu nennen ßnd. (Eine befondere an diefer
Stelle eingefchaltete Gruppe von Neuerwer-
bungen entftammt dem peruanifchen Kunfterbe.)
Kleiter geht der Kleg über Ägypten und Ana-
tolien nach Europa hin. fjier ift das prächtige
Fragment eines Reliquienfchreins (Limoges
13. Jahrhundert) einziger Höhepunkt und ob-
wohl faft fämtliche Gebiete europäißhen Kund-
gewerbes, wie Bronzen, Möbel, Fayencen, Gold
und Silber pp. ebenfalls durch wichtige Neu-
erwerbungen bedacht worden ßnd, die in erfter
Linie dem dänifchen Kunfterbe entßammen, fo
fcheint doch Hannovers letzte Liebe ganz dem
fernen Often gegolten zu haben. D. h- auch
diefem feinen Kenner iß es ergangen wie fo
vielen modernen Menfchen, wenn pe nicht nur
fammelnde Antiquare, fondern wirkliche künft-
lerifche Cemperamente find. — Auch er mußte
fich durch die Pfeudokultur des neuzeitlichen
Europa den Kleg fuchen nach jenen fernen
künftlerifchen Dokumenten einer reinen und
fchöpferifchen Volksfeele, wie fie nur China
hervorgebracht hat. Der Cod diefes Mannes
aber, der aus diefem hier nur kurz angezeigten
Jahresbericht zum letztenmal auch zu feinen
deutfchen Freunden fpricht, hinterläßt eine Lücke,
die wohl fo leicht nicht auszufüllen fein dürfte,
obwohl es ihm ja an Schülern nicht gefehlt hat.
B.
Äusftellungen
Die Corintlj-Äusftellung im Berliner
Kronprinzenpalais
Das ofßzielle Deutfchland fängt langfam an,
Corinth zu entdecken. Beweis dafür nicht nur
die neue repräfentative Äusftellung im Kron-
prinzenpalais, die Ende Juni eröffnet wurde,
fondern mehr noch die vom Propyläen-Verlag
vorbereitete Monographie über denMeißer, die

im Sinne diefes Buchverlages die Reihe der Neu-
entdeckungen des Fjaufes (iußein krönen foll, dem
die Cizian, Botticelli, Klatteau u. a. bereits zu
nachhaltigßem Dank verpßichtet ßnd. Denn über
diefe vergebenen Künftler gab es bisher keine
Literatur, bis Ullftein pch bereit fand, pe der
ftaunenden Kielt als die führenden Meifter zu
offenbaren.
Corinth wird am 21. Juli fünfundfechzig Jahre
alt. An diefes Datum wird die Nachwelt mehr
denken als die Gegenwart. Ob diefer äußere
Anlaß die Berliner Äusftellung angeregt hat,
mag dahingeftellt fein. Daß vor rund 10 Jahren
fchon eine fehr viel impofantere Äusßellung von
der Berliner Sezefßon am Kurfürßendamm ver-
anftaltet worden ift und damals auch die Mono-
graphie erfchien, die dem Meißer den Kleg be-
reiten durfte, mag in diefem 3ufammenhang nur
nebenbei erwähnt fein. Sicher wäre trotzdem
die neue Ehrung des alten Lovis durchaus zeit-
gemäß und pe hätte für die deutfche Kunft eine
wahrhaft große Sache werden können, wenn
man wirklich alle Kräfte angefpannt hätte, um
dem Klerk diefes einzigen Künftlers die Reprä-
fentation zu fiebern, die die Berliner Äusßellung
leider nicht hat.
Diefer Veranßaltung nämlich kam es offenbar
mehr auf die Quantität als auf die Qualität der
Klerke an. find in diefer FJinpcht muß gefagt
werden, daß eine Äusftellung diefer Art ihren
lebten 3 weck völlig verfehlt, wenn die wirklich
großen Arbeiten des Künftlers (etwa vom Stil
des „Florian Geyer“, des „FJarem“, der „Blen-
dung Simfons“, des Änforge-Porträts und viele
andere mehr) nicht zur Stelle pnd. Klas als
Erfaiz für folchen Ausfall bleibt, ift freilich immer
noch groß genug, um gegenüber einem Lovis
Corinth die gefamte übrige zeitgenöfpfche Kunft
zum Schweigen zu bringen, aber fo wenig wie
man heute eine Rembrandt-Äusftellung machen
könnte ohne „Anatomie“, „Staalmeefters“ und
„Judenbraut“, genau fo ift diefer Corinth, den
das Kronprinzenpalais zur Schau ftellt, nur ein
Fragment deffen, was die Kielt endlich einmal
in vollfter Cotalität begreifen follte.
Juftis Standpunkt, der bei folchem Anlaß von
vornherein auf den deutfchen Mufeumsbepjz ver-
zichtet (um keine Revanche eingehen zu müffen),
der felbft die Inanfpruchnahme des deutfchen
Kunfthandels fcheut, iß unbedingt falfch, wenn
auf der anderen Seite Ehrgeiz nach vollgültiger
Repräfentation eines Künftler-Oeuvres beßeht.
D. h- man macht entweder die Corinth-Äus-
ftellung, die wir alle längft gewünfeht hatten,
ohne Verzicht auf mufealen und kunßhändleri-
fchen Beptz, oder man hätte beffer die Idee
folcher Äusßellung begraben follen, die halb nur
ausführbar, den Betrachter mit feltfam zwie-
fpältigen Empßndungen entlaßen muß. So fehr
aber Juftis ftille aufbauende mufeale Arbeit alles
Lob verdient, fo wenig fcheint diefer Kopf be-

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