Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

Page: 741
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1923/0767
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
[ende ((leite, jener Schauer des Selbftfeins. (Ind foldjes in feiner tyier geglüdkten über
die (üirklid)keit des einzelnen Porträtierten Ipuausgehenden Bedeutung ftellt beide
ülerke in jene große Ahnenreihe europäifcher Porträts, deren Cräger uns als heim-
liche Mitwiffer um tieferes Leben grüßen. Auch hier fd)on wird deutlich, was erft
aus dem Gefamtwerk beider Künftler ganz klar wird: (Hie beide in gleichem Grunde
erotifcher Dämmemiffe mit ihren Spukgeftalten und Ängften verwurzelt find. Fjier
aber auch — befonders markant, weil jeweils am (Hendepunkt innerer Entwicklung,
im Alter um die 30 gefdjaffen—, fondern fiel) die Rhythmen, deuten l}in auf die Ent-
fcheidung, die ein jeder aus feinem (Hefen heraus treffen mußte, um aus dem ge-
meinfamen, gärenden Urgrund der Gefid)te, ein jeder auf feine Art, zu Klärung oder
Steigerung zu gelangen.
Nadtjzufpüren, wie tief fold)e Scheidung im rein formalen Leben pet) ausdrückt und
Form wird, war Fjauptreiz, zu dem jenes nachbarliche Beifammen anregte. Schon
Strich und Linie waren Iper und dort polar verfdjieden. Bei Kokofd)ka ein 3ucken
und Stoßen, ein kurzes haftiges Feftigen der Flächenabfd)lüffe, ein fap widerwilliges
Nachziehen von Begrenzungen, aus denen die Linie immer wieder zurückfchnellt zu
kraufen Verwirrungen, zu Anfammlungen innerhalb der Fläche, jenen „Infein“, Cparak-
teriftikum feines Stiles, die in dunkeln Liefen verankert fcheinen. Bei Munch ein lang-
atmiges 3iehen und (Hellen, ein breiter Fluß der Linie, die pch im Kontur fammelt
und betont, nicht wie bei Kokofcpka ein kurzes abruptes ßervorbrechen aus heißem
Grund, fondern weite Spannung und Kurve, deren Anfang und Ende man im Bild
nur angedeutet, eigentlich im weiten nicht mehr pchtbaren Hmraum verankert glaubt.
(Hie Ausfchnitt aus dem Gewebe der Linie überhaupt, deren Leben man plötzlich den
Kosmos durchfpinnen fpürt. # >,
Ein Ähnliches in der Farbe. Aus tiefem Blau ftoßen bei Kokofd)ka die funkelnden
Einzelfarben plötpicl) hervor, bündeln fiel) zu unruhigem Leuchtern, zucken zurück in
die Crichter des Grundes. Munch fangt die zarten Cöne feiner Palette mittels breiter
Flächen gleichfam aus dem umgebenden Raume an, läßt pe eindringen in die weiche
Form und modelliert im zügigen Gegeneinander fein tiefes Leuchten. Im FaPen des
Raumes — des in der Analyfe meift vernachläfpgten Elementes der bildenden Kunft —
der gleiche Gegenfatj innerft bedingter Sei)- und Arbeitsweife: bei Kokofchka ein
fchlündender, trichternder, bohrender Raumvampyr, der ftößt und faugt und wühlt, —
bei Munch die klar modellierende, abrinnende und wieder zum Körperlichen anfteigende
Raumfubftanz.
Auffteigend von den Elementen zur Kompoption fpürt man die Auffaffung des
Gegenftandes in ihrer beidemal verfchiedenartigen Notwendigkeit, verfteht die leifefte
(Hendung, wie fie bedingt ift durch innerfte Bedingtheit des Künftlers, fieht Lagerung
der Augen, Stellung der Fjände als Symptome, in denen 3ufall und Gefejj fid) durch-
dringen.
Dem weiter nactjzufpüren, ift innerhalb diefer kurzen Skizze nicht die Gelegenheit.
(Im fo weniger, als damit Sphären berührt würden — diejenige des Ekftatikers einer-
feits, die des Ethikers im weiteften Sinne andererfeits, beides mögliche Entfaltungen
aus grüblerifcher Grundveranlagung — deren reftlofe Erhellung des Verlaufes, d. h-
hier des Überblicks über das Gefamtwerk bedürften. Nur Andeutungen folcher Ent-
faltung wie Pendelfdpäge innerfter Criebe können h^r aufgewiefen werden, fern von
künftlerifd)er oder menfchlicher ((Iertung. (die durch Schleier deuten pe mittels künft-
lerifcher Phänomene Ipu auf Grundeinftellungen der Pfyd)e, deren wahrhapige Be-
jahung das Kunftwerk enthüllt, — dies fein abfoluter (Uert — deren entfeheidende
((Iertung aber dem Leben felbft Vorbehalten bleiben muß.

741
loading ...