Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Die Borossfcße Sammlung birgt in fid) and) eine ftattlid)e Anzahl von remarkablen
Bildern von Murillo, auf die wir hier im folgenden hinweifen möchten. Kläßrend
etwa vierzig Jahren hat Murillo durch ein reiches und langes künftlerifcßes Leben das
Cßriftuskind dargeftellt auf zahlreichen Bildern mit der Maria allein, im Kreife der
heil. Familie und in Verbindung mit den Fjeiligen Bernhard, Antonius, Franciscus de
Paula, Felix von Caftulicio ufw. Nur manchmal finden wir das Chriftuskind ganz
allein. Noch als kleines Kind in ganzer Geftalt auf Klolken fteßend mit einigen Cherub-
köpfen erfcheint es als Salvator Mundi (Sevilla, Caridad), bereits einige Jahre älter und
entwickelter als guter Fjirt oder göttlicher Schäfer. Der Cypus des Chriftuskindes bei
Murillo ift im großen und ganzen ziemlich der gleiche geblieben. Abweichend von
diefem erfcheint der Salvator Mundi auf dem Bilde der Sammlung Boross. Der Kopf
ift viel länglicher, der Blick ernfter. Klir lernen hier einen neuen Cypus von Murillo
kennen. Der Kopf des Chriftuskindes auf dem Borossfchen Bilde zeigt aber eime ge-
wiffe Verwandtfchaft mit dem „heil- Franziskus von Paolo und das Chriftuskind“ (Edin-
burgh, Mufeum), gemalt zwifchen 1660 und 1670. Auch hier erfcheint der Kopf länglich
und der Ausdruck ernft. In diefer Periode dürfte auch das Borossfche Bild entftanden
fein. Die würdevolle FJaltung des Chriftusknaben, der bereits im vollen Bewußtfein
der kommenden Dinge ift, fein ernfter Blick und die verheißungsvolle Bewegung der
rechten Fjand verleihen diefem Bilde einen eigentümlichen Reiz und fichern ihm unter
den Klerken des Meifters einen befonderen Plat}.
Auf zwei weiteren Bildern Murillos der Sammlung Boross ift ebenfalls Chriftus dar-
geftellt, nicht mehr als Kind, fondern in beiden Fällen mit der Dornenkrone als Ecce
Fjomo. Auf dem einen fehen wir ihn in Fjalbfigur mit entblößter Bruft, übereinander
gekreuzten und gebundenen fänden. Die Draperie leife an den Leib drückend und
mit der Rechten das Schilfrohr hütend, in der Kompofition ganz übereinftimmend mit
Murillos Ecce Fjomo-Bildern im Provinzialmufeum zu Cadix und der Sammlung Cook
in Richmond (A. L. Meyer S. 184 u. 185). Sein Blick mit halbgeöffneten Augen ift
nach links unten gerichtet1. Auf dem anderen Bilde legte Murillo das Schwergewicht
auf die Ausarbeitung des Kopfes, außer dem man nur ein kleines Stück des roten
Mantels fießt In der Auffaffung entfprießt das Borossfcße Bild vollkommen dem
zwifchen 1655 und 1670 entftandenen Bilde des Prado Mufeums zu Madrid (Nr. 965).
Es weicht davon nur in der Art und COeife ab wie der Knoten des Mantels gebunden
ift. Während auf dem Madrider Bilde die zwei Endteile des Knotens nach unten
fteßen, ift auf dem Borossfcßen Exemplar das eine Endftück nach oben, das andere
naeß unten zu gerichtet. Auf beiden Ecce Fjomo-Bildern der Sammlung Boross feßen
wir Chriftus mit fanftem edlen Ausdruck oßne jeglicße Verzerrung des Geficßtes, rußig
und kontemplativ, vor fid) blickend im Bewußtfein der Vollbringung göttlicher Sendung.
Unter den Murillo-Bildern der Sammlung Boross wirkt ganz apart ein längliches
Bild (aus der Kollektion A. Martin in England), woßl eine Studie für ein großes Ge-
mälde, welches verloren gegangen ift und vielleicht zu der Serie mit der Gefcßicßte
aus dem Leben Jakobs gehörte. Landfcßaftsbilder als folcße kennt man von Murillo
nicht, die Landfcßaft diente ißm ftets nur als Mittel zum 3weck, [o auch auf dem
Borossfcßen Bilde. Fjier ift nicht jene Szene dargeftellt wie auf Palmu Veccßios poe-
tifeßem Bilde der Dresdner Galerie, wo Jakob die Raßel mit Fjändedruck und Kuß
begrüßt, fondern der Moment, wie fid) die beiden jungen Leute am Brunnen treffen.
Die Handlung vollzieht fieß im Schatten eines großen Baumes, unter welchem der Brunnen
zu feßen ift. Rechts fteßt Jakob, um mit dem Eimer Kläffer zu feßöpfen, links an-
gelehnt an den Brunnenrand im Gefpräcß mit ißm Raßel, hinter ißr die Schafherde und
rückwärts eine weite hügelige Landfcßaft mit Ruine. In naiver aber fympatßifcßer
KJeife ftellte Murillo die beiden jugendlichen Geftalten dar und fcßildert die Handlung
1 Es dürfte pcß um jenes Bild handeln, welches früher der Eßrid) Galleries in New York gehört
hat (Ä. L. Mayer, S. 257).

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