Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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facsimile
3u dem ÜJerk von Maurice Utrillo

Von MAURICE RAYNAL

Mit sechs Abbildungen auf drei Tafeln

>legentlicß meiner Arbeit über Georg Kars fetjte id) auseinander, daß fid)


deffen (Uerk durchaus gegen den Satj aufleßnt, daß die Kunft, die nur aus dem

Gefüßl fcßöpft, nod) nicht zu denken gelernt habe, daß dagegen die andere, die
denkt, immer aud) empfindet, Unddcß fügte hinzu, daß auf Grund der erftgenannten
Cßefe nur (Uerke von ungewöhnlichem Format entftehen können infolge ihrer völligen
Äbfage an die Gegebenheiten des Sinnlichen, die im Prinzip gegen eine reftlofe Ein-
gabe an das Spiel der Farbe verftößt und daß ähnlich den Akademikern, die nur das
Primäre des formalen Gedankens fehen, die Repräfentanten der anderen Richtung als
die wahrhaftigen Verkünder der Farbe betrachtet werden müßten.
Allemal gab ich diefer Meinung eine Einfchränkung, da ich weiß, daß nur durch
eine gewiffe Art von (Uunder fiel) diefe oder jene Cendenz einmal als erfolgreich legi-
timieren kann. Die Kunft eines Maurice Utrillo umfd)reibt eine diefer wunderbaren
Catfachen. Aber wenn jedes (Uunder ein Ausnahmephänomen bedeutet, fo folgt daraus,
daß auch das vom (Uunderkünftler gezeugte (Hefen durchaus exzeptionell ift. Aber
man darf das Wunder nie wie einen Fall der Ceratologie betrachten, denn wenn auch
die Mittel, mit denen es fid) vollzieht, ungewöhnlich fmd, erfeßeinen die Refultate
dennoch durchaus normal.
Maurice Utrillo ift eine Ausnahmeerfcheinung. Sein pßyfiologifcßer 3ufammenbrud)
ift zu bekannt, daß man gut daran tut, will man nicht ausführlich bei feinem Fall ver-
weilen, darüber mit Stillfcßweigen ßinwegzugeßen. Anders würde man ihm das größte
Unrecht tun, denn diefer Sonderfall gibt keine Erklärung, fondern ift ein feltfames 3u-
fammentreffen mit dem expreffiven Verlangen feines rätfelhaften Calentes. Bei Utrillo
erklärt vielleicht die Abftammung in hoßcm Maße die vorübergehende Störung feines
geiftigen Gleichgewichts, und das (Uunder feiner eklatanten malerifcßen Qualitäten ent-
fpringt zweifellos einer bis an die äußerfte Grenze vorgetriebenen Hypertrophie feiner
Sinnlichkeit. Aber glücklicherweife zeigt fiel) nirgends in feinem (Uerk die Spur diefer
angeborenen Ideologie, deren man fo oft gewiffe krankhafte Künftler bezichtigt, und
fo liegt ihm vor allem jede Don Quichoterie völlig fern. Utrillo ift nichts als Auge,
aber ein Auge von einer wunderbaren Präzißon, die unvermittelt den richtigen Con,
die genauefte Nuance mit einer verblüffenden Sicherheit zu treffen weiß.
Es fteßt unbedingt feft, daß die Kunft eines Utrillo von keinerlei Erwägung be-
ftimmt wird, die außerhalb der Grenzen des rein Malerifchen liegt. Man hat ihn als
Maler den Verkörperer der Vorftadt, der äußeren Boulevards, der alten, riffig und
fd)immlig gewordenen Mauern anfpreeßen wollen, als den Maler der krummen Gaffen
und der dunklen (Uinkel. Nichts feßeint mir heute verkehrter als dies. Bei Utrillo gibt
es gar nichts von Literatur, nod) weniger etwas wie Sentimentalität. Seine Art zu
malen ift fo natürlich, daß die Motive bei ißm keinerlei befondere malerifcße Bedeu-
tung haben, und die Catfacße, daß er fie oft bis zum Überdruß wiederholt, wenn aud)
immer unter irgendeinem neuen Afpekt, beweift, wie wenig Bedeutung er ißnen im
Grunde beilegt. tUenn er auf dem Montmartre malt, fo beftimmt ißn keine befondere
Äffektion, denn in (Uirklicßkeit ift die Romantik, die er den Motiven von Montmartre
entgegenbringt, nicht größer als die des Bauern, der die Erdfcßolle liebt, in der er
verankert ift. Beweis dafür, daß in feinen lebten durch die Fülle des Lichts fo über-
zeugenden (Uerken das Motiv fo durchaus nebenfäcßlid) erfeßeint, daß der Künftler —
wie man weiß — fid) oft damit begnügt, Anficßtspoftkarten als Vorlagen nadhzuaßmen.
Utrillo, der oft beim Schein der Lampe die funkelndften und vollkommenften Cöne
malerifcß kombiniert, betrachtet alfo das Motiv nur als einen unentbehrlichen Vorwand

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