Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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zeigte Vifpnu auf dem Naga (oder den Buddha) und entftammt dem Prap Kpan
(Ipope 1,10 m), aifo nicpt Cpampa. Die brapmanifcpe Gruppe von Cambodgia ähnelt
päupg der verwandten Kunft der öftlicpen Nachbarn zum Verwecpfeln. In diefem
Falle werden die Einzelheiten fcpärfer abgegrenzt, aus den fanften Hebungen der
Augenlider wird eine Schwingung von einer Schläfe zur anderen, die deutlich in die
Nafe überleitet. Die Umgrenzung der Lippen könnte ebenfo wie die Einziehung und
Umrandung am Kinn Bart andeuten. Bei drohenden Geftalten treten noch Fjauer aus
der Oberlippe und Runzeln aus der Stirn. Für den drohenden Cypus pat [ich der
Khmer-Künftler eine Formel von pöcpfter Einfachheit gefchaffen, gerade aus diefer
Einfachheit macht man ihm einen Vorwurf. 3u Unrecht, denn pe ermöglicht größte
Ausdruckskrap. Es zeugt von den fchöpferifchen Fähigkeiten der Khmer, daß pe neben
den idealifierten den gefteigerten Stil der verzerrten Köpfe [teilen konnten.
Es ift ein Dogma der europäifcpen Kunftbefcpreibung, die Klerke als Höhepunkte zu
loben, die der Natur am nächpen ftehen. Diefer Standpunkt wurde erft letzthin be-
kämpft. Daß aber auch naturalifierende Möglichkeiten im cambodgianifchen Schapen
lagen, beweifen vereinzelte wirklichkeitsnahe Stücke. Das bedeutfamfte Beispiel diefer
Art bildet den Mittelpunkt der im Juni 1923 im Mufee Guimet in Paris eröpneten
„galerie kpmere“. Ein Kopf aus der Rotunde des gleichen Mufeums (Äbb. 3, Höhe
36 cm) dürfte einen Brahmanen darftellen. Im Kopfputs wird wieder die Frifur [epe-
matifch verwertet. In der Bekrönung ift das 3eid)en Om angebracht. An Stelle der
Bartftiliperung tritt der plaftifcpe Spi^bart, gegliedert durch Scprapierung. Naturaliftifd)
wirkt der Mund. Die vollen Lippen pnd Merkmal der RaPe. Die Unterfcpiede gegen
den idealiperten oder den verzerrtgefteigerten Cypus find gering, doch fühlbar. Diefer
Mund ift wirklicher, weniger der religiöfen Grundftimmung angeglichen. Openbar er-
laubte das die profanere Darftellung.
Die drei Möglichkeiten und Ausgangspunkte der Menfchenwiedergabe find in der
Khmer-Plaftik nicht feparf zu fcheiden. Sie geben das Geftaltungsausmaß diefer großen
Kunft, ihr Pendeln zwifepen Formel und tüirklicpkeit. Klenn es in Anfangsftadien
eine naturnähere Kunft gegeben hat. fo ift pe noch verborgen, waprfcpeinlich auch
nicht von den Khmer gefepapen worden.
Die Erforfd)ung des heute franzöpfepen Gebiets löft [ich nur langfam aus der Denk-
malbefchapung und geht noch päupg an dem künftlerifchen Kiefen vorüber. Das be-
weift wieder das zweite Heft der prächtigen 3eitfd)rift Arts et Archäologie Khmers
(Verlag A. Challamel, Paris). In feiner Studie über die Pfychologie des Khmer-Künftlers
überfieht Groslier, daß die Begripsfcpeidung vom Handwerker bereits europäifcp ift.
Klertvoll ift feine Arbeit über einen Cempel, depen Anfänge bis ins 7. Japi hundert
zurückgehen. Ein AuffaJs über Keramik rutfcpt [cpnell in die Gegenwart ab. Dann
druckt man — auf Kunftdruckpapier — Bürobagatellen, fo einen Bericht über die
Unterbringung der Befen im Mufeum von Phnom Penp. Immerhin, die Kunft von
Cambodgia ift entdeckt.

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