Verein für Historische Waffenkunde [Hrsg.]
Zeitschrift für historische Waffen- und Kostümkunde: Organ des Vereins für Historische Waffenkunde — 1.1897-1899

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5. Heft.

Zeitschrift für historische Waffenkunde.

der bekanntlich seine Klingen häufig mit obigem j
Wahlspruch versah; es kann jedoch diese Annahme
nicht aufrecht erhalten werden, da Martinez erst gegen
Ende des 16. Jahrhunderts arbeitete und die Garnitur
dem Kurfürsten schon 1574 oder 1575 von dem in
diesen beiden Jahren in Dresden zu Besuch weilenden
Erzherzog zum Geschenk gemacht worden ist —,
abgesehen davon, dass auch die Meistermarke hier-
gegen spricht.
16. Inventar 1606, S. 430. «Ein Rappier an
welchem Knopf und Creutz ganz goldt mit schlechter
(schlichter) arbeit, das hefft mit güldenen Draht
bewunden die klingen mit halben Rücken, der Dolch
darzu gehet durch des Rappieres Knopf, in schwarz
sammetener schaiden etc., welches Churfürsten
Augustus zu Sachssen hochlöblichster gedechtnus
von Erzherzogk Ferdinand zu Oesterreich verehrt
worden».
Die Waffe befindet sich im Saal G, Pult Ik Die
Rappierklinge trägt mehrere bekannte Mailänder
Schmiedzeichen, so das «gekrönte M», die «Brille»,
den «ganzen Reichsapfel» und die Marke wie bei
G, I im «Führer». Die Strucfur des Gefässes weist
auf die Zeit um 1570 hin. Vermuthlich beschenkte
der Erzherzog den Kurfürsten mit dem Rappier 1574
oder 1575, als er zu Besuch in Dresden weilte.
Um jene Zeit begann auch der Erzherzog sich
auf das Sammeln historisch denkwürdiger Waffen zu
verlegen. Er schrieb deshalb wiederholt an Kurfürst
August, um sich von ihm Harnische zu erbitten,
welche dieser selbst, sein Bruder Herzog Moritz und
dessen Gegner, der Kurfürst Johann Friedrich «im
letzten Reichskriege», also im Kampfe gegen den

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Schmalkaldischen Bund, getragen hatten.') Aus der
Correspondenz beider Fürsten geht hervor, dass der
Erzherzog im Jahre 1576 die gewünschten Harnische
erhielt; namhaft gemacht wird jedoch nur «der Leib*
harnisch des Churfürsten Moritz», der heute in der
kaiserl. Waffensammlung die No. 202 führt. Bemerkt
sei, dass dieser Harnisch im Aufbau sowohl als auch
in einigen charakteristischen Details an die Arbeiten
des älteren Peter von Speyer erinnert, der sich, von
Nürnberg kommend, um 1540 als Plattner zu Anna-
berg in Sachsen niedergelassen hatte; eine Meister-
marke findet sich an dem Stücke nicht. Wahrscheinlich
ist auch ein Harnisch des Kurfürsten Johann Friedrich
(Kat. 196) als Geschenk von Dresden nach Innsbruck
gekommen. Später blieben ähnliche Wünsche des
Erzherzogs unberücksichtigt, da der Kurfürst selbst
Sammler war, dagegen übernahm es August bei anderen
Fürsten, für den Erzherzog Harnische zu erbitten, und
so erhielt Ferdinand durch dessen Vermittlung 1585
den auf den Markgrafen Albrecht Achilles von Branden-
burg getauften Leibharnisch, Kat. No. 61.
17. Inventar 1606, S. 1216. «Zwo kurze kaise-
rische Pirschbüchsen mit halben anschlegen, Und
Silbern blatten ?. Was für kaiserliche Püchsen hierunter
gemeint waren, konnte picht ermittelt werden. Viel-
leicht war die eine davon die Bürschbüchse des Kaisers
Maximilianl.jdieKaiser Rudolf II. (reg. 1576—1612) dem
Kurfürsten August 1579 verehrt hatte.2) Das Stück,
dessen historische Beziehungen im Laufe der Zeiten
wohl in Vergessenheit geriethen, ist leider nicht mehr
vorhanden,
*) H. St. A.Erzh. Ferdinands Schreiben 1550—1584, Bl. 84.87,88.
3) VergJ. Hirn, Erzherzog Ferdinand II. von Tirol, S. 428.
(Fortsetzung folgt.)

Russland und der Orient in der Geschichte des Waffenwesens.1)
Von E. V. Lenz in St. Petersburg.

Mit Recht wird in der historischen Forschung
über die Entwicklungsgeschichte des Waffenwesens
von Jahr zu Jahr mehr Aufmerksamkeit auf den
Orient gerichtet, auf die Länder, welche als Wiege
-sowohl wie als Werkstatt europäischer Bewaffnung
eine gleich grosse Bedeutung gehabt haben. In

*) Der durch unseren im Fache hervorragenden, talentvollen
Mitarbeiter angeregte Gedanke ist für die Geschichte des Waffen-
wesens so bedeutungsvoll, dass man in der Verfolgung desselben
mit Sicherheit einen Umschwung der historischen Waflenwissen-
schaft Voraussagen kann. Der vorliegende Artikel, dem ein länge-
rer Briefwechsel des Redacteurs mit dem Autor vorangegangen ist,
kann bei seinem umfassenden Thema nur als ein Programm, als
ein Präludium einer vollen Umgestaltung unseres Lehrgebäudes be-
trachtet werden. Wenn auch die Durchführung des Gedankens
nicht das Werk eines Einzelnen sein kann, so erkennen wir doch
in E. v. Lenz eine Kraft, die vollkommen geeignet erscheint, einen
hervorragenden Antheil an der Lösung der Aufgabe zu nehmen,
wie dem Autor auch das Verdienst der ersten Anregung gebührt.
Anmerkung der Redaction.

der Einleitung zu seiner «Waffenkunde» weist W,
Boeheim, wenn auch nur in grossen Zügen, doch
darum nicht weniger überzeugend nach, wie gross
und sogar umwälzend der Einfluss war, welchen die
im 4. und 5. Jahrhundert in Europa einbrechenden
morgenländischen Völkerschaften auf die Bewaffnung
der romanischen wie der germanischen Rasse aus-
übten, und verfolgt sodann im Verlaufe des ge-
nannten Werkes sorgfältigst die Spuren orientalischer
Formengcbung an westeuropäischen Schutz- und
Angriffswaffen.
Es würde hier zu weit führen, eingehend dar-
zulegen, was der ausgezeichnete Autor und andere
Forscher vor und nach ihm in der Bearbeitung der
erwähnten Frage geleistet; Zweck dieser Zeilen ist
nur, berufene Freunde der Waffenkunde auf ein
Zweiggebiet der Forschung in der angegebenen
Richtung aufmerksam zu machen, dessen gründliche
und systematische Ausbeutung gewiss zu interessanten
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