Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Neu erworbene Bilder von Schnorr in der

National-Galerie

Erläutert aus seinen Briefen von LUDWIG JUSTI
Mit 1 Abbildung im Text und 2 Abbildungen auf 1 Tafel

Seit langem bewahrt die National-Galerie das ehrwürdige Hauptwerk der Nazarener,
die tflandgemälde der Casa Bartholdy. Schon unter Friedrich Klilßelm IV. wurde
in den vierziger Jahren ein Verfuch zu ihrer Übertragung gemacht, 1888 kam die
ganze Folge nach Berlin. Cornelius, Overbeck, Veit und Wilhelm v. Schadow zeigen
fid) da in der Reinheit jugendlicher Begeifterung und in der Kraft neuen Klollens.
Äuf der anderen Seite ftehen des greifen Cornelius Kartons zum Berliner Campofanto.
Einzelne Cafelbilder kommen hinzu: von Cornelius Fjagen und die Rheiniöchter; von
Overbeck ein kleiner Bildniskopf und dann das Bruftbild Pforrs am Fenfter, eine ganz
ausgezeichnete Arbeit, voll fein empfundener Erinnerung an alte Kunft, auch in der
Farbe meifterlich durchgeführt; von Klilhelm Schadow eine weibliche Pjalbfigur, die
freilich fchon aus der nazarenifchen Änfchauung herausführt. Von Philipp Veit konnte
vor kurzem ein bedeutendes Gemälde erworben werden, die lebensgroße Geftalt der
Religion, thronend vor dem Koloffeum, der Stätte fo vieler Martyrien, Marterwerk-
zeuge zu ihren Füßen; bezeichnet 1819, entftanden im 3nfammenhang mit dem kurz
vorher im Vatikan gemalten Fresko.
Von den jüngeren Nazarenern, Schnorr, Steinle, Rethel, find aus altem Befitj einige
Kartons vorhanden, berühmt die Rethelfchen für Aachen. An üafelbildern der allzu
glatt gemalte Bonifacius von Rethel; glücklicherweife wurde neuerdings fein koft-
barftes Ölgemälde angekauft, Karls V. Eintritt ins Klofter. Von Steinle eine große
fixende Madonna, feßr lieblich, künftlerifd) etwas leer; Cfchudi fügte dazu das reizende
Bildnis der üocßter. Friedrich Olivier, der mit Schnorr jahrelang auf dem Kapitol lebte,
in naher Freundfchaft und Arbeitsgemeinfchaft, ift ausgezeichnet vertreten mit dem
figurenreichen „Einzug in die Arche Noah“: eines der merkwürdigften Stücke der
ganzen Gruppe, 3eugnis eingehender Studien nach mancherlei Quattrocento-Meiftern,
forgfältige 3eid)nung» köftlidrje Farben, fauberftes Fjandwerk; es war von Cfcßudi
gekauft, er durfte es aber nicht ausftellen, da maßgebenden Ortes der Maler für einen
Franzofen gehalten worden war1.
Von Sdtjnorr war früher nur der große Nibelungen-Karton von 1863 vorhanden, kein
Cafelbild. Es find nun einige ÜUerke aus Schnorrs römifchen Jugendjahren, um 1820,
iii die National-Galerie gekommen, die uns mit allem 3auher jener glücklichen 3eit ge-
gefangen nehmen2. Über fie foll hier nun der Meifter felbft einiges Jagen: wie er
1 Das Bild bat auch früher [cbon feltfames Schickfal gehabt: der Maler felbft fand es nicht gut, fleckte
es unmutvoll in eine Dachrinne feiner römifchen Ulobnung; Rebbenitj, der kapitolinifcbe Fjaus-
genoffe Oliviers und Schnorrs, zog es hervor. Dann nahm es Overbeck in Gewabrfam und be-
mühte fid), es feinem Urheber und fpäter deffen Erben wieder zuzuftellen. Noch 1868 fcbreibt Over-
beck, daß er es „für ein febr ausgezeichnetes (Uerk jener merkwürdigen Periode der wiedererwad)ten
deutfcben Kunft halte“. Erfte Erwähnung des Bildes in einem Brief Ferdinands von Olivier an
Schnorr 7. 3. 1818: „follte Friedrich von fid) nichts erzählt haben, fo nenne ich Dir als feine ihn
feit lange befchäftigende Arbeit, jene fchon einmal behandelte aber jefet unendlich ausgebildete
Kompofition von dem Einzug der Familie Noah in die Arche“. Diefe Briefe Overbecks (von 1845,
46 und 68) und Oliviers an Schnorr hat Dr. Grote-Deffau bei feinen Studien über die Oliviers im
Sd)norrfd)en Familienarchiv gefunden und mir die Auszüge freundlicbft zur Verfügung geftellt.
2 „Ulelcbes Glück und welchen Segen“, fcbreibt Ludwig Richter in feinen Lebenserinnerungen
über die römifcbe 3eit, wo Schnorr ihm ein teurer Freund und hochverehrtes Vorbild war, „ge-
währt eine Verbindung mit fo herzlieben Freunden in der frifcben Jugendzeit, wenn pe gemeinfam
nach den idealften 3ielen ftreben; in einer Umgebung, welche die reicbften, bedeutendften An-
regungen bietet. Durch nichts beengt, genügfam und deshalb um fo forgenfreier, durchleben fie
einige Jahre goldener Freiheit; die Erinnerung daran durchduftet wie ein Blumengeruch das ganze
Leben und trägt Poefie in die Profa oder Schwüle, welche fpätere Jahre unvermeidlich mit ficb
bringen.“

Der Cicerone, XV. Jabrg., ßeft 5

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