Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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Sammlung Cimbal1, dann die Madonna von St. Denis2. Von den rtjeinifdjen Ma-
donnen wäre vor allem die Kölner von St. Maria im Kapitol zu nennen, die allerdings
aus dem Klofter Limburg a. d. 5ardt, alfo aus dem mittelrheinifchen Kunftkreis ftammt3.
Sie Ift ftrenger und monumentaler. Eng ift ferner mit it>r verwandt die Madonna aus
der Domprobftei in Crier4, dod) ift diefe plaftifcher durchgebildet. Von den Crierer
Madonnen fteljt aber die aus Niederftattfeld bei Daun, jefet in der Sammlung des Bild-
hauers Föhr in Crier, ih)r nod) näher5.
Mit der fränkifchen Sd}ule wird man [ie jeßi nicht mehr zufammenbringen können.
Allein wenn man fie im gotifd)en Saal des Luitpoldmufeums mit den zahlreichen an-
deren fränkifchen Madonnen vergleicht, etwa mit der von Oberzell (Rinder C. 31),
würden gegenüber diefer außerordentlich kultivierten, faft raffinierten Arbeit jene faßt
als handwerklich erfcheinen. Selbft die Auguftinergaffenmadonna (Pinder C. 32) ift
robufter und ftiliftifd) entwickelter, der FJohenlohemeiper ebenfalls in feiner Falten-
gebung dramatifcher, mit ganz anderen ünterfd)eidungen arbeitend, aud) ganz anders
akzentuiert. Im erften Moment, vor der Figur könnte man fogar zur Anpd)t neigen,
daß fie wegen der außerordentlichen Qualität der Arbeit nach Frankreich zu feßen
wäre. Dem widerfprid)t aber, abgefehen von der Kronenbildung, die die hohe Form,
nicht die Blattkrone aufweift, dann der etwas vollen breiten Bildung in Bruft, Fjüften
und der blockigen ümrißlinie und dem unficheren Standmotiv das volle, frifchgefunde
Antliß der Madonna felbft. Eine franzöpfche Phyßognomie hätte etwas viel Nervöferes,
Geiftreicheres, aud) Koketteres, wie dies etwa die Aladonna von St. Die (Lothringen)6
aufweift. Danach müffen wir die Figur aud) in die von Kiepen her beeinßußten
Rheinlande feßen. Aud) wird eine fo qualitätvolle Figur, die noch keine Spur des
volleren Faltenftils des 15. Jahrhunderts aufweift, kaum in den Anfang des 15. Jahr-
hunderts zu feßen fein. Sie ftel)t in der ruhigen Faltengebung der Limburger Madonna
in Köln oder der Madonna von St. Die fo nahe, daß man pe nur ganz wenig über
die Mitte des 14. Jahrhunderts hinausführen darf, alfo etwa um 1360. Ob die Figur
ein Exportftück war, was bei der geringen Größe und der Koftbarkeit des Materials
nicht unmöglich fein könnte, oder in Klürzburg von einem in den Rheinlanden ge-
fällten Meifter angefertigt wurde, ift eine Frage, die offen zu laffen wäre. Auf alle
Fälle gehört die Klürzburger „Mutter der viel fchönen Minne“ zu den hervorragendften
auf uns gekommenen Plaftiken der Mitte des 14. Jahrhunderts.

1 Ebenda pl. 94, 5.
2 Le musee de sculpture compar^e, pl. 28.
* 5- Ratßgens, Kunßdenkmäler der Stadt Köln II, 1, Düffeldorf 1911, S. 240f.
4 O. v. Scßleiniß, Crier, Leipzig 1909, S. 138. Beffere Abbildung bei „VI. internationaler
marian. Kongreß Crier 1912“, S. 16, Abb. 19, wo fehr intereffante 3ufammenftellung aller (68) Crierer
Madonnen.
6 Ebenda Abb. 21.
« Man vergleiche hierzu den inftruktiven Auffaß: Friß mitte, Parallelen zwifdjen der franzö-
pfcßen und niederrljeinifcßen gothifcßen Plaftik, in Sdjnütgens 3ehfchrift für cf)riftlid)e Kunft XXIV
(1911), Sp. 65 ff.

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