Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 15.1923

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muß. Der gleiche 3ug zeigte fid) auch in der indifcß-buddßiftifcßen Plaftik der Gupta-
zeit, wo er fid) im bekannten Buddha von Sarnatß in vollendeter WIeife offenbart.
In Indien brach jedod) die Entwicklung infolge der Verdrängung des Buddhismus ab,
fo daß uns dort die konfequente [Weiterentwicklung feßlt. Ißre Fortfetjung in Java
folgte dem füdlicßen Drang nach Einfühlung, foweit dies der buddhiftifche Geiß über-
haupt zuließ. In der Plaftik Nordfiams aber haben wir es mit dem nordifcßen Ab-
ftraktionsdrang zu tun, dem die buddhiftifche Lehre auf halbem [Hege entgegenkam.
In diefen fiamefifchen Bronzeköpfen bricht fic±) die feßon für die älteften bekannten.
Denkmäler der Ältaivölker1 charakteriftifche 3erlßgung in kubifcße Einzelformen durch
Schrägfchnitt, Abtreppung und ähnliche Mittel wieder Bahn und geftaltet nun den
Menfd)en auf diefem Wiege zur übermenfcßlicßen Erfcheinung um. Ob und wieweit
fich diefe abftrakte Plaftik Nordfiams durch die dort anfäffigen Volksftämme oder
etwa durch erobernde Völker vom Norden her etßnifd) erklären läßt, kann hier nicht
erörtert werden.
Mit den befprocßenen Bronzeköpfen kam auch eine Steinfkulptur nach ttlien, die
mit ihnen ftiliftifcß gar nichts gemein hat, fondern einem fremden benachbarten Kunft-
kreife angehört, der jedoch nach Siam auswirkte. Sie ergänzt daher durch ihre ver-
einzelte Gefolgfchaft den Überblick über die fiamefifche Plaftik, den uns diefe kleine,
aber — wie mit Abfid)t — gut ausgewählte Sammlung von Kunftwerken aus dem
Reiche der weißen Elefanten bietet, in willkommener WIeife! Es ift der Corfo des
vom Naga Mucalinda befcßüjjten Prinzen Siddßarta, des künftigen Buddha (vgl. eine
ähnliche aber fpätere Figur aus Cßampa im Musee Indo-cßinois in Paris, abgebildet
im Cicerone XV, Fjeft 6, Abb. 5). Das malaiifcße Antlitz mit der hohen Stirne (Abb. 7),
den breiten Backenknochen, den kleinen Scßlißaugen, der ftumpfen Nafe und den
wulftigen Lippen beweift die 3ugeßörigkeit des Stückes zum Kunftkreis der Kßmervölker
im benachbarten Kambodja. Der Corfo braucht jedoch nicht aus dem üempelbezirk der
Khmer, aus Angkor Vat oder einem der benachbarten Wempel ßerftammen, fondern kann
auch in Siam zu Fjaufe gewefen fein, wo fiel), wie Voreßfcß ßervorßebt, an einigen
Pläßen, wie in Pimai, Skulpturen befinden, die der reinen Kßmerkunft angel)ören.
Der Corfo gehört noch der guten 3^it den Khmerkunft, dem 10. bis 13. Jahrhundert an.
Als Anhang an diefe befproeßene Gruppe fiamefifeßer Plaftik fei hier noeß ein kleiner
Kopf aus der Sammlung A. Exner in Wlien wiedergegeben, der ebenfalls altfiamepfd)
und dem Kopf, Abb. 3, feßr verwandt ift. Bedeutend kleiner als jener, mißt er famt
der erhaltenen Büfte nur 18 cm und ift aus einer filbrig feßimmernden Metallmaffe
gegoffen, die man in China, wo der Kopf gekauft wurde, als Meteoreifen qualifizierte,
eine Behauptung, die durch Analyfe nacßgeprüft werden müßte. Jedenfalls läge die
Verwendung derart himmlifcßer Steine zur Gießung von kleinen Buddßabronzen feßr
naße. Die Metalloberßäcße ift mit einer Lackfcßicßt überzogen und diefe vergoldet,
eine feßon in der Sukotßai-Periode vorkommende Vergoldungszeit, die häufiger als
die Feuervergoldung war. Id) möchte jedoch diefes qualitativ außerordentlich gute Stück
doch erft fpäter, etwa in das 14. bis 15. Jaßrßundert, anfeßen. Dafür fprießt die
gegen Abb. 3 feßon freier gebildete Flamme, der wulftig gerahmte vierpäfßge Fjaar-
anfaß und die feßon ftark ornamentalißerten Oßren. Die üraditionen der einzelnen
Schulen, in diefem Falle Sukotßai, haben fieß ja zweifellos auch über die 3eit hinaus
erßalten, in der die betreffenden Städte Mittelpunkte des Kunftlebens eines Reiches
waren.
1 Vgl. J. Strzygowfki, Altai-Iran, Abb. 59, 131 und F). Glück, Cürkifcße Dekorationskunft (Kunft
und Kunftßandwerk 1920, S. 1 ff.).

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