Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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RUNDSCHAU

DIE MUNCIi-AUSSTELLUNG IN MANN-
HEIM
Dr. Hartlaub, der tatenfrohe Leiter der Mann-
heimer Kunsthalle, hat eine Ausstellung des
Munchschen Lebenswerkes zusammengestellt,
die uns alle und die uns gerade heute angeht.
(In Deutschland kann es sich die Provinz noch
immer leisten, Berlin auf seine Verpflichtun-
gen aufmerksam zu machen!) Wir Deutsche
haben heute die Verpflichtung, uns Rechen-
schaft zu geben über unsere Herkunft. Heute
besonders, da der Westen wieder stärker auf
uns einzuwirken beginnt, haben wir unsere
nordischen Verwurzelungen nachzuprüfen.
Gerade heute, wo nach dem Abflaun desRich-
tungsgetrubels die Persönlichkeitsfrage wie-
der schwerer wiegt, haben wir die Ausmaße
jenes, der unsere moderne Bewegung so tief
getroffen hat, aufs neue zu ergründen.

So mag es der Kairos mit sich bringen, daß
diese Mannheimer Ausstellung ein noch lau-
teres Echo findet als die schöne Züricher
des Jahres 1922. Viel Fragliches haben die
Wellen seither noch weggespült und gerade
solches, das sich krampfhaft an den skandi-
navischen Erreger angeklammert hielt. Klar
und groß ragt heute im Norden der Felsblock
Munch.
3o Jahre seines Schaffens sind hier in oft ent-
scheidenden Proben ausgebreitet. Die frühen
Bilder der achtziger Jahre, etwas flau, un-
entschieden, typische Flugversuche unter
fremden Flügeln. Das in seiner Art sehr inti-
me: „Drei Herren mit Lampe“ (87), noch
das „Hafenbild“ unter der Einwirkung des
Lehrers Krogh. Erst die neunziger Jahre las-
sen das Erlebnis in der eigenen Form durch-
brechen: Melancholie, symbolische Stilistik
einsamer Fjordnächte und
schon das „Mädchen auf
Brücke“ (1900). Dann der
große Ausbruch verschütte-
ten Unterbewußtseins aus
dem ersten Jahrzehnt dieses
Jahrhunderts: „Mörderin“,
„Lokal zum süßen Mädel“,
„Krankes Mädchen“, das
„Selbstbildnis“ im Cafe, um-
düstert von androhendem
Raum. (Ausgezeichnet zu ei-
nem wuchtigen Saal zusam-
mengehängt.) Aber im Ne-
benraum hängt das lebens-
satte Stück: „Fruchtbarkeit“
aus 1902, und das nächste
Jahr bringt schon „Die Kin-
der des Dr. Linde“. Da er-
kennt man, welch Ausruhn
„das Haus Linde“ für die-
sen gehetzten Visionär be-
deutet hat. Ruhige Natur,
der Gegenpol seiner inneren
Rasereien, untergründet jetzt
ruhevoll und kräftig sein
Schaffen.
Die Ausstellung zeigt dieses
Gegeneinander, nein dieses
Ineinander der beiden Wel-
ten Edvard Munchs schon
auf dieser frühen Stufe vor-
züglich auf. Und gibt damit
schon hier den Schlüssel zu
diesem erregenden Werk.
Aber weiter: der zweite Aus-


Edvard Munch Selbstbildnis mit Palette. 1926
Aus der Mannheimer Munch-Ausstellung

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