Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

Page: 24
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1927/0046
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
EIN INDISCHES RELIEF

VON LEONHARD ADAM

Erfreulicherweise tauchen jetzt ab und zu auch im Kunsthandel indische Pla-
stiken von mittlerem oder größerem Umfange auf, die man früher für unerreich-
bar gehalten hat und denen sich daher schon mangels geeigneter Objekte das
Interesse privater Kunstfreunde nicht zuwenden konnte. Es handelt sich an-
scheinend nicht um neueren Export von Altertümern aus Indien, sondern um
alten europäischen Privatbesitz.
Das hier abgebildete Relief ist aus rötlichgrauem Sandstein, 29 cm breit und
47 cm hoch und stammt aus dem nördlichen oder eher mittleren Indien. Der
Herkunftsort ist nicht angegeben (Besitzer: Edgar Gutmann, Berlin). Die beiden
Figuren stellen Shiva und Pärvati dar. Shiva, mit hochgebundenem Haar, reich
verzierter Krone und schweren, die Ohrläppchen herabziehenden Ohrzierraten,
ist vierarmig dargestellt. Die rechte obere Hand hält den Dreizack, die untere
eine Lotusblume; der linke obere Arm umfaßt eine Pythonschlange, während
der untere zärtlich um den Hals der Pärvati gelegt ist. Auf der Stirn des Gottes
befindet sich das dritte (senkrechte) Auge, das dem Gotte nach der Legende
plötzlich gewachsen sein soll, als ihm seine Gemahlin einmal im Spiele die
beiden Augen zuhielt. Neben dem Gotte, ihm nur bis ans Knie reichend, steht
sein heiliger Bulle Nandi. Pärvati, zweiarmig, hält in der linken erhobenen
Hand die Wurfscheibe am Griff (auf dem Bilde undeutlich, weil im Profil ge-
sehen —), der rechte Arm, ohne Attribut, ist herabgestreckt und die Hand auf
den linken Oberschenkel des Gatten gelegt. Links oben vom Haupte der
Göttin befindet sich ein ornamentales Laubrudiment. Nach der Haltung der
Figuren soll die Hochzeit Shivas mit der Pärvati dargestellt sein; es ist also an-
zunehmen, daß das einzeln herausgebrochene Relief beiderseits szenische Fort-
setzungen hatte. Die Gestalt der Göttin verkörperlicht das bekannte weibliche
Schönheitsideal der Inder, zu welchem in der Hauptsache gehören: volle und
prall vorgestreckte Brüste, sehr schmale Taille, dazu relativ breite, üppig ge-
schwungene Hüften. Auch ist das Gewicht der Figur ganz auf das Standbein
(links) abgelagert, wodurch in der ebenfalls bekannten Weise eine tänzelnde
Haltung unter Herausdrücken der einen — hier der linken — Hüfte bewirkt
wird. Die beiden oberen Arme Shivas sind hinter den sichtbaren Schulter-
gelenken angesetzt. Die letzteren setzen sich also nur in den zwei unteren
Armen fort. Dadurch sind die oberen Arme mit den Attributen Dreizack und
Schlange in den Hintergrund verwiesen, und die Gestalt des Gottes wirkt auf
solche Weise eher menschlich. Sehr geschickt ist die Schlange ornamental ge-
staltet und schafft mit ihrer Krümmung eine gute rhythmische Verbindung
zwischen den beiden Köpfen des Götterpaares. Dieser Rhythmus wird durch
den rechten Arm der Pärvati sowie unten und seitlich durch die die Figuren
schmückenden Binden und Ketten glücklich wieder aufgenommen. Der ganz
eng anliegende Rock der Göttin läßt die Formen der Beine deutlich erkennen.
Alle diese Einzelheiten, verbunden mit der wohldisziplinierten Anordnung des
Reliefs, läßt die etwas zu kurzen Beine des Shiva und die plumpe Figur des
Nandi nicht etwa für Zeichen von Primitivität halten. Doch sprechen Tracht
und Form des Dreizacks gegen eine zu späte Datierung. Das Relief hat mehrere
bekannte Gegenstücke, besonders zu Elephanta und Elurä. Man möchte es dem
9. bis 10. Jahrhundert n. Chr. zuweisen.
loading ...