Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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DIE BÖCKLIN-.TAHRHUNDERT AUSSTELLUNG
IN BASEL VON W. RAEBER
Basel, die Vaterstadt Arnold Böcklins, feiert das hundertste Geburtsjahr des
großen Sohnes mit einer umfassenden Gedächtnisausstellung. Etwa ein
Dritteil des Gesamtwerkes, Gemälde, Studienund Entwürfe, darunter manch
überraschend neues Stück, aus in- und ausländischem Besitz, ist in den Räumen
der Kunsthalle vereinigt; dazu gesellen sich die Hand zeichnungsbestände
des Basler Kupferstichkabinetts — im Augustinerhof ausgestellt — und die
Fresken im Treppenhause des Museums und des Sarasinschen Gartensaales,
welch letztere während der Dauer der Ausstellung ebenfalls allgemein zugäng-
lich gemacht werden konnten. Dank dieser vereinzelt dastehenden Fresken ver-
mag diese Ausstellung einen Einklick in das Schaffen Böcklins zu bieten, wie er
anderswo schlechthin nicht möglich ist. Eine besondere Note gibt dieser Schau
der außerordentlich umfänglich vertretene Basler und Schweizer (private und
öffentliche) Böcklinbesitz, den möglichst vollzählig zu vereinigen, einer der Haupt-
gesichtspunkte der Veranstalter war. Der ausländische Besucher der Ausstellung
kann da mit Erstaunen sehen, welch großer Teil des Böcklinschen Werkes sich
noch in seiner Heimat befindet.
Im übrigen ist diese Gedächtnisausstellung das Produkt einer Sichtung, über die
man in guten Treuen verschiedener Ansicht sein kann. Gerade weil als erster
Gesichtspunkt der Ausstellung gelten sollte: »dem zu feiernden Künstler Ehre
zu erweisen durch den Glanz und die Tiefe dessen, was er geschaffen« — scheint
uns, man hätte diese Sichtung unter ganz klarer Betonung der letztgültigen
Form, die die Kunst Böcklins fand, vornehmen sollen und nicht in einer Weise,
die das Bild vom Gesamtschaffen des Künstlers allzusehr durch die »malerischen«
Werke der Frühzeit und der frühen Mannesjahre bestimmt. Gerade eine Jahr-
hundertausstellung hätte durch richtige Akzentsetzung die Entwicklung Böck-
lins zu zeigen gehabt, wie sie wirklich verlief. Man müßte an ihr absehen
können, daß nicht die tonig weichen, stimmungshaften Gemälde es sind, an
denen der Künstler gemessen sein will, sondern die Werke der Spätzeit, in denen
er weniger »Maler« ist und in denen er gegenüber dem überquellenden Reich-
tum der Frühzeit einfacher und knapper wird, wo wenige führende Linien und
Massen und strenge Ökonomie der Farbe das Ganze bestimmen und wo alles
Inhaltliche in kurze, lapidare Form gedrängt erscheint. — Statt dessen aber
stellt die Basler Ausstellung das Resultat einer Auswahl dar, die überall Ansätze
einer bestimmten Wertung Böcklins zeigt — einer Wertung, die aus mancher-
lei Gründen und Schwierigkeiten der Materialbeschaffung doch wieder nicht
zur vollen Anschauung gelangt.
Trotzdem auf diese Weise die Ausstellung als Ganzes zu keiner geschlossenen
Einheitlichkeit gediehen ist, ist der Eindruck, der von ihr ausgeht, überwälti-
gend. Kein Unvoreingenommener kann sich der überragenden Künstlerschaft
Böcklins, keiner dem gewaltigen Reichtum und der schlagenden Überzeugungs-
kraft seiner Phantasie, keiner auch der Stärke und Größe der seelischen
Empfindung entziehen, der jede Regung vom Zartesten bis zum Grauenvollen,
vom tollsten Übermut bis zur tiefsten Trauer vertraut ist. Und doch ist seit
dem Tode des Künstlers bereits ein Vierteljahrhundert vergangen, die Ent-
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