Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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KUNST -LITERATUR

WILHELM WAETZOLDT: DAS KLASSI-
SCHE LAND. Wandlungen der Ita-
liensehnsucht. Mit i V> Kupfertief-
drücken und einer Farbtafel. Verlegt bei E.
A. Seemann-Leipzig. 1927.
Den eigentlichen Inhalt des Buches deutet
mehr der Untertitel an, und der hätte viel-
leicht noch die Ergänzung gerechtfertigt „im
Spiegel der neueren Malerei“, d. h. etwa von
dem Augenblick an, da die Sonne Venedigs
in Dürers Werk endgültig den Bruch mit der
deutsch-gotischen Tradition vollendete.
Reizvoll also das Thema dieses Buches (das
ich unter südlichem Himmel lesen durfte) und
nicht minder verdienstvoll die Art, wie die
nicht leichte Aufgabe gelöst wurde. Denn es
handelt sich hier durchaus nicht um reine
Kunstgeschichte, vielmehr ist die Kunst nur
Manifestation des Zeitgefühls nach einer be-
stimmten Richtung hin, während jenes selbst
zunächst auf Grund der überlieferten Quel-
len auf dem Gebiet von Dichtung und Lite-
ratur ergründet werden mußte.
Italien, das klassische Land schlechthin, zumal
in der Imagination des nordischen (germani-
schen) Menschen. Dieses beschreibt die Feder
der Reisenden im nahen Gegenüber des Erle-
bens, zitiert die Sehnsucht der Dichter und
bildenden Künstler, wenn sie etwa von Rom
in die Heimat zurückgekehrt sind, erforscht
der Instinkt der Altertumsfreunde und der
reisenden Engländer, die die eigentlichen Ent-
decker des Landes gewesen sind, das während
drei Jahrhunderten immer wieder den Frem-
deneinbruch von Norden her erlebt hat, Ziel
vor allem auch der Künstler, die die wirkli-
chen Exponenten der geistigen Strömungen
ihrer Zeit gewesen sind.
Man begreift daher sogleich, um was es Waet-
zoldt zu tun war. Nicht Kunstgeschichte im
üblichen Sinne (historisierend oder ästhetisie-
rend wäre diesmal gleichgültig) wollte er ge-
ben, sondern aus den Quellen der geistigen]
Strömungen heraus sichtbar machen, wie sich
von Jahrhundert zu Jahrhundert oder auch
von Generation zu Generation das Verhältnis
des Künstlers zu Italien wandelte und wie da-
mit zugleich auch das gemalte Bild sein Ge-
sicht wechselte, je nach dem Standpunkt des
Schöpfers — und der Zeit.
Daß sich auf diese Weise vollkommen neue
Erkenntnisse ergeben mußten, ist klar, denn
meines Wissens ist dies der erste derartige Ver-
such überhaupt, sozusagen von unten her dem
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Werden der Kunst näherzukommen. Daß aber
auf Grund dieser Methode vor allem die Ma-
lerei der Jahrhunderte profitiert hat, in de-
nen die klassische Italien-Literatur entstan-
den ist, etwa von der zweiten Hälfte des sieb-
zehnten Jahrhunderts bis ins erste Viertel
des 19. Jahrhunderts hinein, gibt dem Buch
nicht zuletzt seinen überragenden Wert. So
erscheint speziell die deutsche Malerei der
Zeit, die in Darmstadt 191.4 erstmals groß zur
Darstellung gebracht wurde, vielfach in völ-
lig neuer Beleuchtung, und damit ist ein Ge-
biet der Kunstgeschichte außerordentlich ver-
tieft worden, das bisher immer noch zu stief-
mütterlich behandelt wurde.
Das Buch nimmt also eine bemerkenswerte
Sonderstellung in der neueren kunstgeschicht-
lichen Literatur ein und dürfte bald selbst ei-
nes jener „klassischen“ Bücher werden, etwa
wie Burckhardts „Kultur der Renaissance“
oder Wölfflins „Klassische Kunst“. Nicht zu-
letzt. ist es ein Bekenntnisbuch des Menschen und
Gelehrten Waetzoldt, dessen universale Gei-
stesbildung und literarische Belesenheit für ei-
nen Kunsthistoriker von Fach geradezu er-
staunlich ist. Nicht aus der „Lust des Histori-
kers am Rückwärtsschauen“ heraus, sondern
„um in der Deutung fremder Art das eigene
Wesen reiner zu erkennen“, ist W. an diesen
gewaltigen Stoff herangetreten. Jeder Gebil-
dete wird Freude <jn seinem Buch haben, zu-
mal wem Italien selbst einmal Erlebnis der
Jugend und des Alters gewesen ist.
Biermann
KARL JASPERS: STRINDBERG UND VAN
GOGH. Versuch einer pathographischen
Analyse unter vergleichender LIeranziehung
von Swedenborg und Hölderlin, Julius
Springer, Berlin 1926.
Das Buch ist eine Analyse der schöpferischen
Leistung unter dem Einfluß der schizophre-
nen Erkrankung. Wie aus dem Untertitel her-
vorgeht, handelt es sich Van Gogh gegenüber
nicht um die spezifisch malerische Arbeit, die
Technik, wenn diese auch in ihrer Entwick-
lung und Veränderung während der Krank-
heit geschildert ist, sondern um den Einfluß
der schizophrenen Verrückung auf das geniale
Werk. Diese, durch das Buch von Prinzhorn
über „Die Bildnerei der Geisteskranken“ in
Kunstkreisen bekannte Form des Irrseins
schafft, weder in ihrer akuten noch in ihrer
latenten Periode künstlerische Leistung an
sich. Die geistige Arbeit und ihr Niveau sind
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