Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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K U N S T - L I T E RATU R

DER CODEX GISLE
Eine der schönsten illuminierten deutschen mit-
telalterlichen Handschriften, deren Urheberin
oder Stifterin die Klosterfrau Gisela vonKers-
senbroich (daher Codex Giselae oder Gisle ge-
nannt) gewesen ist, hat kürzlich eine in je-
der Beziehung vorbildlich gelungene Veröf-
fentlichung erfahren, durch die nun dieser
schwer erreichbare Schatz weiteren Kreisen er-
schlossen wurde1. Dieser Codex Gisle, so nach
den Eintragungen der Schreiberin (?) auf
dem Weihnachts- und Osterbilde bezeichnet,
die hier selbst mit der Deminutivform ihres
Namens signiert, befindet sich seit 1827 in
der Bibliothek des Gymnasiums Carolinum zu
Osnabrück und ist bereits von W. Lübke, H.
Schmitz, Haseloff u. a. nachdrücklichst ge-
würdigt- worden. Es handelt sich um ein auf
deutschem Pergament geschriebenes Ordens-
graduale, das reich mit Ornamenten verziert
ist und an fünfzig Miniaturen enthält, die
durch aufgelegtes Gold reich belebt sind. Der
Zustand der Handschrift ist hervorragend, zu
beklagen einzig die Tatsache, daß wahrschein-
lich um 1800 bei Fertigung eines neuen Ein-
bandes die Blätter beschnitten worden sind,
wodurch leider ein Teil der Rankenornamente
beschädigt wurde. Trotz einer alten Eintra-
gung vorn im Codex, die in lateinischer Fas-
sung den Hinweis auf die „VENERABILIS
AC DEVOTA VIRGO GYSELA DE KERZEN-
BROECK“, und dazu den Vermerk ANNO
MCCC enthält, ist kunstgeschichtlich das Ent-
stehungsjahr kaum vor i35o anzunehmen, wo-
mit die Eintragung selbst als originale Ur-
kunde ausscheidet, während der Stil der Minia-
turen und untrügbare ikonographische Fest-
stellungen unzweideutig auf die Mitte des
1A- Jahrhunderts als Entstehungszeit weisen.
Gleich wichtig die Fesstellung des gelehrten
und vor allem kirchengeschichtlich hervorra-
gend geschulten Herausgebers Chr. Dolfen,
daß der Codex nur ,,innerhalb des heiligen
römischen Reiches deutscher Nation'“ ent-
standen sein kann und weder französischer
noch angelsächsischer Herkunft ist. Dagegen
gibt es stilistische und ikonographische Mo-
mente, die diesen Codex der Utrechter Schule
1 Codex Gisle. Im Auftrag des hohen Dom-
kapitels zu Osnabrück mit Unterstützung des
Landtages der Provinz Hannover, unter Mit-
wirkung von Martin Wackernagel und anderen
Fachgelehrten herausgegeben von Christian
Dolfen. Verlegt bei Buchenau & Reichert,
Berlin. Mit 41 Lichtdrucktafeln, davon sechs in
Faksimilelichtdruck.

zuweisen. — Obwohl es dennoch zur Zeit
nicht möglich ist, alle künstlerischen Bezie-
hungen restlos aufzuhellen, ist der Codex
Gisle „ein monumentales Denkmal
niederländischer Miniaturmalerei,
ein Wegweiser zu verschütteten Quellen mit-
telalterlicher künstlerischer Inspiration, ein
Eckstein zur Geschichte der deutschen Minia-
turmalerei“.
Diese kostbare Publikation nun, deren her-
vorragende Untersuchungen durch den Her-
ausgeber wissenschaftlich zum Teil ganz neue
Momente ergeben, hat eine ebenso muster-
gültige technische Wiedergabe gefunden. Von
den einundvierzig Bildtafeln, die Franz
Hanfstaengl, München, fertigte,sind sechs
in mehrfarbigem Faksimilelichtdruck mit auf-
gelegtem Goldblatt hergestellt worden und
diese farbigen Wiedergaben gehören mit zu
dem Besten, was Reproduktionstechnik bisher
erreicht hat. Sie erhärten die Kostbarkeit die-
ser Handschrift und gestatten Rückschlüsse
auch auf die nur in Doppelton-Lichtdruck
hergestellten übrigen 35 Tafeln. Das Ganze
eine in jeder Hinsicht vorbildliche Leistung,
so daß von den 290 Exemplaren der für
den Handel bestimmten Auflage bald keines
mehr zu haben sein dürfte. Biermann
FESTSCHRIFT FÜR JULIUS v. SCHLOS-
SER. Zum 60. Geburtstag herausgegeben
von Arpad Weixlgärtner und Leo
Planiscig. Mit einem Bildnis und 112
Abb. Amalthea-Verlag. Wien, Zürich,
J.eipzig.
Wieder eine Festschrift für einen Sechzigjäh-
rigen, die diesmal einem der feinsten Köpfe
der Wiener Gelehrtenschule gilt. Kein volumi-
nöser Band mit einem halben Hundert und
mehr an Beiträgen, wie er im letzten Jahre
etwa Paul Clemen dargebracht wurde, sondern
ein handliches Buch in einfacher, würdiger
Ausstattung von fast 3oo Seiten mit rund
25 Aufsätzen, die alle Gebiete europäischer
Kunstgeschichte berühren, auf denen Jul. von
Schlosser selbst vorbildlich gearbeitet hat. Da-
zu am Schluß aus der Feder eines seiner jüng-
sten Schüler, von Hans R. Hahnloser zusam-
mengestellt und geordnet, eine Bibliographie
sämtlicher Schriften des Sechzigjährigen, die
an dieser Stelle besonders aufschlußreich ist.
— In der Hauptsache ist es der engere Freun-
des- und Schülerkreis Schlossers, der sich zu
dieser Geburtstagsgabe vereinigt hat, daneben
auch Kollegen von angrenzenden Fachgebie-

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