Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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DIE SAMMLUNG GUALINO IN TURIN
VON WILHELM SUIDA

Riccardo Gualino hat einen großen Teil der Schätze seiner Sammlung in einem
mit größtem Prunk ausgestatteten, von Lionello Venturi verfaßten Kataloge
weiteren Kreisen mitgeteilt. Über den Charakter dieser Sammlung teilt das
Vorwort einige Daten mit, die allgemein interessieren. Es sind knapp zehn
Jahre der Sammeltätigkeit, deren erstaunliches Ergebnis nur durch seltene Groß-
zügigkeit und Weite der Gesichtspunkte zu erzielen war. Mehrere Jahre hin-
durch war nur ein künstlerischer Schmuck des Kastell Cereseto Monferrato
und des Stadthauses in Turin beabsichtigt, dann erhob sich der Gesichtspunkt
allmählich in die Sphären des Unpersönlichen, des Strebens, der Nation dienen
zu wollen, ihrem Empfinden neue, ewige Werte zuzuführen; und so ward eine
Ergänzung des nationalen Kunstgutes Italiens in dem Sinne ins Auge gefaßt,
daß Riccardo Gualino das vornehmlich zu sammeln beschloß, was kein Museum
Italiens besitzt. Der nationalen Kultur Italiens den Spiegel des Universellen vor-
zuhalten, wurde das ideale Ziel der Sammeltätigkeit, wie sie nunmehr Riccardo
Gualino und sein gelehrter Berater Lionello Venturi auffassen.
Selbstverständlich nimmt die Kunst Italiens vom Ende des 15. Jahrhunderts an
in einer italienischen Sammlung breiten Raum ein. Am Beginn steht ein Tafel-
bild von ausnehmend guter Erhaltung, das unter den Werken toskanischer
Malerei vom Ende des t 5. Jahrhunderts einen vornehmen Platz einn immt. Es
ist jenes Madonnenbild, auf das die Literatur seit Sirens »Toskanische Maler des
1 3. Jahrhunderts« mehrfach Bezug genommen hat, und das alle e!nstimmig
dem Meister der Madonna Ruccellai in S. Maria Novella zuschreiben. Mit der
Nennung eines Namens betreten wir schon das Feld der Hypothese. Ich selbst
habe vor vielen Jahren (Jahrbuch der preußischen Kunstsammlungen, 1905)
eine besondere Persönlichkeit des »Meisters der Madonna Ruccellai« aufgestellt,
der weder mit Duccio, noch mit Cimabue identifiziert werden könne. Mehrere
namhafte Forscher haben sich dieser Ansicht angeschlossen, und ich sehe auch
heute noch keine Möglichkeit einer anderen Lösung dieser schwierigen Frage.
Gewiß hat L. Venturi ganz recht, darauf aufmerksam zu machen, daß höchst
merkwürdigerweise ein erhaltenes Dokument die Ausführung einer großen
Madonnentafel für S. Maria Novella durch den Sienesen Duccio 1283 bezeugt,
daß andererseits alte Tradition von einem Madonnenbild des Cimabue in der
gleichen Kirche spricht, und daß just die in ungewöhnlicher Größe in derselben
Kirche erhaltene Madonna Ruccellai weder von dem einen, noch von dem anderen,
sondern von einem dritten und dabei hochbedeutenden Künstler herrühre, dessen
Name in dem Staub der Jahrhunderte versunken sei.
Es folgt eine sehr interessante Tafel der Himmelfahrt Christi, die zum min-
desten der Kunst Giottos äußerst nahesteht, und mit den bekannten Bildern in
München, Boston und in der Sammlung Berenson als unter den Augen des
Meisters entstanden zu denken ist.
Auf einige gute Stücke des Trecento, Tafeln des Nardo di Cione, des Giovanni
da Milano und des Lorenzo Veneziano, folgen hervorragende Werke des Quattro-
Anmerlcung. Die Vorlagen für die Abbildungen hat Herr Professor Lionello Venturi
mit besonderer Liebenswürdigkeit zur Verfügung gestellt.

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