Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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SAMMLER UND MARKT

ZU EINEM HIERONYMUS-HOLZSCIINITT
DES 15. JAHRHUNDERTS
Der hier abgebildete Holzschnitt mit der Dar-
stellung des heiligen Hieronymus, wurde in
jüngster Zeit durch das Münchner Kunstanti-
quariat Jacques Rosenthal aus Privatbesitz er-
worben. Formal und technisch gibt er sich als
ein Werk aus dem zweiten Drittel des 15. Jahr-
hunderts zu erkennen, in welchem der soge-
nannte weiche Stil noch vorherrscht.
Durch das Auftauchen dieses Schnittes kann
seine bisherige Zitierung in der Literatur ge-
regelt werden. Als Schreiber seine grundlegen-
de Sammelarbeit über die frühen Holz- und
Metallschnilte im „Manuel de TAmateur (1892)
niederlegte, hatte er dieses Blatt unter Nr. i554
beschrieben und auf Weigel & Zestermann
verwiesen, welche es als Nr. 107 aufgeführt
hatten. Es befand sich damals im Besitz von
L. Rosenthal, München. Die Entstehung nahm
Schreiber am Oberrhein, i46o bis 1/170, an.
Unter Nr. 29/19 des Manuel beschrieb dann
Schreiber ein ganz gleichartiges Blatt des hei-
ligen Hieronymus aus dem Besitze der Bayeri-
schen Staatsbibliothek. Dieses Blatt ist, wie


Der hl. Hieronymus / Einhandholzschnitt
ca. 1450/60
Bes.: Jacques Rosenthal. München
780

Schreiber hervorhob, beschädigt Und über-
kritzelt, was seine Untersuchung erschwert.
Schreiber schlug als Entstehung die Zeit ge-
gen i/i4o vor. In der deutschen Neuausgabe
„Handbuch der Holz- und Metallschnitte des
15. Jahrhunderts“ (1927) nahm Schreiber das
Blatt der Bayerischen Staatsbibliothek unter
Nr. 1554 auf und gab dem einstmals bei L.
Rosenthal befindlichen die Nummer i554a.
Fern vom Original entschied er auf Grund un-
zuverlässiger Reproduktion, daß das zweite
Blatt, dessen Verbleib inzwischen nicht mehr
festgestellt werden konnte, eine täuschende,
aber vergröberte Kopie des in der Bayerischen
Staatsbibliothek befindlichen darstelle.
Der nun bei Jacques Rosenthal in München
aufgetauchte Einblattholzschnitt ist i554a,
also derselbe, welcher sich bei Abfassung des
Manuel 1892 auch im Münchner Handel be-
funden hat; daher war es jetzt möglich, das
Original neben das der Bayerischen Staatsbi-
bliothek zu legen. Genaue Prüfung ergab, daß
die von Schreiber vorgenommene Trennung
nicht aufrecht erhalten werden kann; daß es
sich vielmehr um zwei Abzüge des gleichen
Holzstocks handelt. Die Täuschung ist leicht
erklärbar, sobald man auf Reproduktionen an-
gewiesen ist. Die Originale aber sprechen jetzt
unzweideutig: Der „saubere“ Schnitt des
Exemplars der Staatsbibliothek erklärt sich
aus einem etwas zarten Abdruck, während das
neuerdings wieder bekannt gewordene Exem-
plar kräftiger, mit mehr Tonfülle abgezogen
ist. Weitere qualitative Unterschiede, welche
Schreiber, auf die vor etwa 35 Jahren angefer-
tigte Reproduktion gestützt, zu erkennen
glaubte, ergeben sich an den Originalen wie-
derum als Unterschiede des Abdrucks, teilweise
auch als solche der Erhaltung. Schreiber,
Nr. 1554 (=294.9), fällt somit mit Nr. i554a
in eine Nummer zusammen. E
LONDON
Alte Meister aus dem Besitz des verstorbenen
Kurators der Nationalgallerie, Lord Curzon of
Kedleston, werden der Hauptanziehungspunkt
auf dem Londoner Versteigerungsmarkt in der
Woche vor Weihnachten sein. Es ist nur eine
kleine, aber exquisite, und sorgfältig ausge-
wählte Sammlung — elf Meisterwerke, vorzüg-
lich englische Porträts aus Lord Curzons Lon-
doner Residenz in Carlton House Terrace und
von seinem Landgut Hatwood bei Basingstoke
—, die am 22. Dezember bei Christie verstei-
gert werden soll. Romney ist mit drei Werken
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