Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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ZUM NEUEN BAUEN

ZUR WERKBUNDAUSSTELLUNG „DIE
WOHNUNG“ STUTTGART 1927
Die Stellung des Kritikers hat sich geändert.
Er kümmert sich heule nicht erst um die
Dinge, wenn sie fertiggebacken, wie eine Pa-
stete vor ihm stehen, er beschäftigt sich mit
ihnen, solange sie noch im Fluß sind. Denn
Kritiker und Produktiver sind keine absoluten
Gegensätze mehr. Vom „Schaffenden“ wird
heute in hohem Maß Einordnung und Ratio
verlangt, vom Kritiker: Vision. Das heißt: es
findet ein gesunder Ausgleich statt, wo früher
ein zuviel an hemmungslos-ungebundener
Phantasie herrschte (Künstler), wird Ratio
und Verbundenheit eingeschaltet, und wo ein
Denkapparat in Analogieschlüssen funktio-
nierte (Kritiker), wird flexible Vision verlangt.
Der Thron des Kritikers und der Thron des
„Schaffenden“ sind beide auf das wohltätigste
erschüttert, und die Getrennten finden sich
auf gemeinsamem Parterre. Denn sie wollen
das gleiche: Hindernisse fortbannen, die die
Verwirklichung unserer eigenen und starken
Zeit hemmen möchten! Beide werden von den
gleichen Momenten erregt: Von der Entwick-
lung, die im Werden ist. Beide werden von
den gleichen Momenten gehindert: Von ver-
filzten Vorurteilen, die sich der merkwürdig-
sten Phraseologien bedienen, um durch ihr
Scheinleben die Luft zu verpesten.
Das Programm der Ausstellung „Die Woh-
nung“ verspricht in seinem ganzen Grundriß
die erste Verwirklichung von dem zu werden,
was man in Zukunft unter „Ausstellung“ wird
verstehen müssen: Abkehr vom repräsentati-
ven Budenzauber, Eingliederung ins aktive
Leben.
Zwei Dinge sind vorab zukünftig:
Die Beschränkung der Kommissionsmacht, das
Bestreben, die Leitung möglichst in einer Hand
konzentriert zu lassen und die b e w u ß t e Ein-
stellung, auf das laboratoriumsmäßige, flie-
ßende, nichtabgeschlossene unserer Bestrebun-
gen.
Besonderen Dank verdient die Leitung, daß
sie mit dem alten Vorurteil bricht: ein Archi-
tekt dürfe nur innerhalb der eigenen Stadt-
Landes- oder höchstens Zollgrenzen mit Bau-
aufträgen bedacht werden. Nichts ist heil-
samer. als die architektonische Erkenntnis der
an der Spitze Schreitenden sich durch Auf-
tragserteilung an Ort und Stelle nutzbar zu
machen. Nur so, nur am praktischen Experi-
ment, kann wirklich geklärt werden, was für

ein bestimmtes Klima, für bestimmte Gewohn-
heiten möglich und brauchbar ist und was ver-
worfen werden muß.
Es gehört heute noch immer Mut dazu, aus-
ländische Architekten zu berufen, obwohl es
eine Selbstverständlichkeit ist, sich jedes Hilfs-
mittels, das weiter bringt, zu bedienen.
In diesem Fall ist die Auswahl besonders inter-
essant: J. J. P. Oud, Le Corbusier und
M arl St am bedeuten gleichzeitig die drei
Etappen der neuen Architektur. Sie geht von
dem Baumeister, der das Bestreben hat, Lö-
sungen zu schaffen, die gleichsam ewige Gül-
tigkeit haben (Oud) bis zum Gegenpol (Stam),
der alle Architektur dem raschen Verände-
rungswillen unserer Zeit unterwirft und vom
Bau fordert, daß er womöglich heute ein Ki-
no, morgen ein Warenhaus, übermorgen viel-
leicht ein Lagerhaus sein könne: Gerüstbau.
Oud der Holländer, hat das Glück, aus dem
Land zu kommen, das die neue Entwicklung
auf breitester Basis — wenn auch nicht immer
mit der fortgeschrittensten Erkenntnis — ge-
übt hat, an Erfahrung und sorgfältiger Durch -
denkung des Bauorganismus steht er,
durch die Gemeindebauten in Rotterdam seit
1919, an erster Stelle.
Le Corbusier, der Welschschweizer, hat


Bauhaus Weimar: Kinderzimmer,
Eßraum, Küche
Aus Taut, »Die neue Wohnung« (Verlag Klink-
hardt & Biermann, Leipzig)

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