Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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Streifentechnik — im Gegensätze zu der typisch niederländischen Schraffenmanier —
führte, findet Erörterung, wenn auch nur in kurzen Andeutungen.
Ein Sonderabschnitt behandelt die Bildwirkereien des Walburgaklosters zu Eich-
stätt unter der Regierung der Äbtissin Walburga von Absberg (1508—38), wohl die
typischsten Erzeugnisse klösterlichen Fleißes. Die Behänge, in der Zeit von etwa 1518
bis 1530, in einem von der großen Kunststraße fast völlig abgeschlossenen Zentrum
entstanden, sind sowohl wirk- als farbtechnisch von hoher Bedeutung; die Verbindung
primitiven Könnens mit ausgesprochen eigenartigem Farben- und stark dekorativ-
flächenhaft eingestelltem Formensinn erzeugte Arbeiten, die für die Weiterbildung des
modernen Wandteppichs von einschneidendem Einfluß sein dürften. Die von Herzog
Luitpold in breiterem Rahmen der Werkstatt Eichstätt gewidmete Untersuchung ver-
dient schon aus diesem Grunde volle Würdigung.
In Summa- Die Arbeit Herzog Luitpolds ist ein ebenso erfreulicher als bedeut-
samer Fortschritt auf dem Gebiete der Wandteppichforschung. Erstklassig ist die
Wiedergabe des Tafelmaterials; die Erfassung der Farbenwerte ist vollendet, die Fein-
heiten der Wirkerei kommen in vorzüglichen Details in allen Einzelheiten heraus; der
Tafelband ist technisch ein Meisterwerk deutscher Buchdruckerkunst.

Literatur zur deutschen Plastik

Von ERICH WIESE


S ist der Erforschung der deutschen Plastik von Nutzen gewesen, daß sie verhält-

^ nismäßig spät in Angriff genommen wurde. Sie vermied so von Anbeginn mancher-
lei methodische Fehler, die auf dem Felde der Malerei zunächst eine gewisse Zerrissen-
heit zeitigten. Rascher als dort stellte sie sich fast ausschließlich auf Kärrnerarbeit
ein, als der Basis jeglicher Erkenntnis höherer Zusammenhänge. Wenn solche schon
heute in weitem Umfange ablesbar sind, verdankt sie es der Beteiligung berufener
Kräfte, die mit der Aufgabe wuchsen und ihr wertvollstes Instrument, die Stilkritik,
zu immer größerer Präzision durchbilden. Münzenbergers und Dehio-v. Bezolds große
Sammelwerke stehen am Anfang der Veröffentlichungen, die vollgültige Wiedergaben
erstreben. Die Unwegsamkeit des Gebiets hielt ihm in Krieg und Inflation die Buch-
macher fern. Dagegen ging die ernste Forschung mit aller Energie an die Aufnahme
der Bestände in einzelnen Landesteilen, Städten, Sammlungen, an einzelnen Baudenk-
mälern. Diese Bewegung ist weiter in vollem Fluß. Einige ihrer letzten Ergebnisse
sollen hier in Kürze charakterisiert werden. Auf die Unzahl der zutage getretenen
Probleme und Streitfragen näher einzugehen, verbietet der verfügbare Platz.
Wilhelm Pinder hat in dem nun abgeschlossenen, groß angelegten Kompendium
des Verlags Kurt Wolff außer dem dritten auch den zweiten Band: „Die deutsche
Plastik des 14. Jahrhunderts“ geschrieben. Es ist vielleicht das schönste lite-
rarische Denkmal, das der deutschen Plastik bisher gesetzt wurde. Der Text ist ein in
sich ruhendes Kunstwerk. Stoff und Bearbeiter sind hier einander kongenial. Aber das
Buch ist keine Schwärmerei; ist durchdrungen von einem höchst subtilen historischen
Empfinden, das eine lebendige und fruchtbare Methodik meistert. Pinder selbst hat als
einer der ersten die großen Linien der Entwicklung der Plastik des 14. Jahrhunderts1
gezogen (Würzburger Plastik). Jetzt spannt er über dieses unheimlich aktive Jahr-
hundert deutscher Kunst ein vibrierendens Netz neuer Zwischenteilungen und Beob-
achtungen, schlagender Definitionen und Vergleiche, die letzten Endes immer wieder
auf die Heraushebung der großen Gesetze der Entwicklung (d. h. des Wandels) zurück-
laufen. Die Cäsur liegt um 1350: Das „monumentale“ 13. Jahrhundert wirkt von rück-
wärts herein, das „bürgerliche“ 15. Jahrhundert kündigt sich an. Durch unablässiges
Verweisen auf parallele oder gegensätzliche geschichtliche Situationen, von der Antike
bis auf unsere Tage, vom Süden zum Norden und Westen zum Osten, wird die je-
weilige Lage oft blitzartig erleuchtet und prägt sich für immer ein. Kennzeichnungen,
wie die der Kölner Domchorapostel als einer durch ihre Bedingtheit zum Bau „pas-
siven Plastik“, im Gegensatz zu der „raumschaffenden, aktiven“ bei den Naumburger
Stiftern, spiegeln die Vitalität, mit der hier nicht nur ein großer Historiker, sondern
ein von seinem Stoff wahrhaft Ergriffener Geistes- und Formgeschichte dargestellt hat.
In der gleichen Serie bearbeitete Erwin Panofsky „Die deutsche Plastik
des 11.—13. Jahrhunderts. Dieser ausgezeichnete junge Gelehrte verdankt der Me-
thodik Pinders ohne Zweifel viel. Aber er ist andern Temperaments, dazu mehr speku-
lativer Natur auf breiter philosophisch-philologischer Grundlage. Diese Geistesrichtung
kam der Lösung der gegebenen Aufgabe sehr zugute, wenn auch nicht gerade der -Les-
barkeit des Textes, Es galt, auf modernem wissenschaftlichen Fundament, das Wer-

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