Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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Neue Literatur über deutsche Bildteppiche
Von H. GÖBEL

Betty Kurth, Die deutschen Bildteppiche des Mittelalters. Ein Text-
band (mit 91 Abbildungen), zwei Tafelbände (mit 344 Tafeln). Verlag Anton
Schroll & Co., Wien 1926.
DIE deutschen Wandteppiche des Mittelalters, in vereinzelten Monumenten und
Gruppen in zerstreuten, vielfach ungleichwertigen Abhandlungen besprochen, fan-
den eine auf den Gesamtüberblick eingestellte, als erster Versuch darum nicht minder
verdienstvolle Behandlung in der von Hermann Schmitz vor einigen Jahren heraus-
gegebenen Geschichte der Bildwirkerei (Bildteppiche). Es folgten die hochwertige
und gründliche Bearbeitung Rudolf F. Burckhardts — „Gewirkte Bildteppiche des
15. und 16. Jahrhunderts im Historischen Museum zu Basel“ (Leipzig 1923) —, die, auf
zahlreichen früheren zeitschriftlichen Veröffentlichungen des Verfassers aufgebaut, die
große Gruppe der Schweizer, insbesondere der Basler Teppiche auf festen Boden
stellte, weiterhin die noch zu besprechende, dem Kurthschen Werke wenige Monate
vorauf gegangene Publikation des Herzogs Luitpold, die die fränkische Bildwirkerei als
Gegenstand der Erörterung wählte. Die Bearbeitung B. Kurths geht den vorgenannten
Arbeiten gegenüber insofern erheblich weiter, als sie den deutschen gewirkten Wand-
teppich des Mittelalters in seinem gesamten Befunde in den Bereich der Betrachtung
zieht, sich also den Grundlinien der Schmitzschen Übersicht anschließt, die Erwä-
gungen jedoch auf ein ungleich breiteres Fundament stellt.
Der Textband gliedert sich in fünf Abteilungen — Technik, vorgotische Bildwirke-
reien, gotische Bildwirkereien, Katalog, Quellenanhang —, durch Orts-, Sach- und
Namenregister ergänzt.
Der der Technik gewidmete Abschnitt geht nur insoweit auf die nicht gerade ein-
fache Materie ein, als er sich mit Erfolg bemüht, dem Leser einen allgemeinen Begriff
von dem Wesen des besonders für die deutsche Bildwirkerei maßgebenden hochlitzigen
Wirkereiverfahrens zu übermitteln; Reproduktionen von Ausschnitten aus Glasgemälden,
von Miniaturen, Holzschnitten und Tafelbildern des 14. und 15. Jahrhunderts, die den
Wirkvorgang in mehr oder minder werkgetreuer Wiedergabe veranschaulichen, unter-
stützen die kurzgefaßten Ausführungen. Im Gegensätze zu dem ersten Abschnitte
nimmt die zweite Abteilung, die sich mit der Bildwirkerei bis zum Ausgang des 13. Jahr-
hunderts befaßt, einen breiten Raum ein.
Die Erörterung der textilen Quellen der vor- und nachkarolingischen Zeit (bis zum
Ausgang des 11. Jahrhunderts) führt naturgemäß infolge der Unklarheit der technischen
Ausdrücke der grundlegenden Schriften und Inventare zu keinem abschließenden Urteil;
das Resultat B. Kurths — „Die antike Überlieferung barg alle Keime für eine neue Blüte
der Wirkerkunst im Mittelalter“ — ist zweifellos richtig. Das einzige uns überkommene
Denkmal, der in verschiedene Fragmente zerschnittene Teppich aus St. Gereon zu Köln,
die Umbildung eines byzantinischen Seidenmusters, wird, unter Heranziehung gleichzei-
tiger Miniaturen, besprochen; folgerichtig ergeben sich die verschiedenartigen Einflüsse
— antike, byzantinische, sassanidische —, besonderes Interesse beanpruchen die Ausfüh-
rungen, die die Einwirkungen des abendländischen Kulturkreises überzeugend erläutern.
Die deutschen Bildwirkereien des 12. und 13. Jahrhunderts, vertreten durch die
Halberstädter und Quedlinburger Behänge, die wenigen, nicht immer sicheren Quellen
— der Teppich mit der Geschichte Triers, ehedem in der Domkirche der Stadt, ge-
hörte schwerlich dem frühen Mittelalter an —, seien es Dichtungen, Chroniken oder
Inventare, verwertet die Verfasserin zunächst in einer aufschlußreichen ikonographi-
schen Untersuchung, deren Ergebnisse wiederum auf den bildlichen Aufbau und die
Struktur der uns überkommenen Monumente folgerichtig übertragen werden. Mit be-
sonderer Liebe nimmt die Verfasserin sich des Quedlinburger Knüpfteppichs an; die
durch gute Abbildungen unterstützten Ausführungen sind ikonographisch und stili-
stisch-technisch gleich wertvoll.
Die große Masse der deutschen gotischen Bildwirkereien des 14. und 15. Jahrhun-
derts gliedert das Werk nach landschaftlichen Gesichtspunkten; die Konzentrierung auf
bestimmte Orte — mit Ausnahme von wenigen Städten, in erster Linie Basel — ist nach
den bislang uns bekannten spärlichen urkundlichen Belegen äußerst erschwert. Zu den
feststehenden Gebieten zählen die Schweiz und Franken, nicht in allen Monumenten
mit der gleichen Gewißheit das Elsaß und der Mittelrhein. Den Werkstätten Basels
sicherten die Untersuchungen Burckhardts ein gutgefügtes Fundament, auf dem B. Kurth
vorsichtig wägend weiterbaut, in vornehmlich stilistisch, weniger technisch einge-
stellten Untersuchungen, Grenzgruppen anfügt und einschiebt. Die Tatsache, daß in

Der Cicerone, I. Sonderheft 1927

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