Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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SCHLESISCHE TEXTILKUNST AUF HER
AUSSTELLUNG BRESLAU-SCHEITN1 G 1927
VON ALFRED SCHELLENBERG
Im Rahmen der Schlesischen Wertschau ist am 18. Juni für zwei Monate in
Breslau-Scheitnig eine Textilkunst-Ausstellung eröffnet worden, die Arbeiten
vom 15. Jahrhundert an bis zur Gegenwart enthält. Ihre historische Abteilung
bietet einen fast lückenlosen Überblick über die Entwicklung der schlesischen
Textilkunst seit dem Mittelalter, dank der Beschickung durch zahlreiche Pfarreien,
Klöster und Museen.
Eine zusammenhängende Darstellung der schlesischen Textilkunst ist bis heute
noch nicht gegeben worden. An Einzelabhandlungen kommen nur drei in
Betracht: Conrad Buchwalds Untersuchung über das Rückenkreuz des Kanonikus
Helentreuter1, Karl Masners umfangreiche Abhandlung über die gestrickten
Teppiche2 und Alfred Schellenbergs Darstellung der Geschichte der schlesischen
Damastweberei3.
Überblickt man die Entwicklung als Ganzes, so fallen die Höhepunkte der schle-
sischen Textilkunst in das erste Viertel des 15., in die zweite Hälfte des 1 7. Jahr-
hunderts und in die Zeit von 1750 bis 1780. Dabei ist während dieser drei
Perioden eine enge Verwandtschaft mit den Arbeiten der Lausitz zu beobachten,
die sich zuweilen bis zur stilistischen Kongruenz verdichtet. Naturgemäß gehört
die größte Zahl der erhaltenen Denkmäler dem 18. Jahrhundert an, Arbeiten
der Renaissance fehlen fast ganz, während der auf uns gekommene gotische
Bestand wenigstens für Breslau ganz erfreulich ist.
Die katholische Pfarrkirche in Heinrichau kann sich rühmen, in ihren beiden
»Hedwigskasein« die ältesten Arbeiten textiler Kunst in Schlesien zu besitzen.
Es handelt sich um eine Kasel aus gelbem Seidenstoff und eine zweite der
gleichen Art, deren Vorder- und Rückenstab jedoch aus einem anderen Meß-
gewand herrühren. Aus einer Inventareintragung vom Jahre 1787 geht
hervor, daß zwischen 1708 und 1787 »ex vestibus Sanctae matris Hedwigis«
zwei Kasein gemacht worden sind. Das eine dieser Meßgewänder, dessen Rücken-
stab in Goldbroschierung auf roter Seite unter dem Fragment des Pfingstwunders
in feierlicher paarweiser Ordnung untereinander die Heiligen Nikodemus, Jo-
hannes d. T., Stephanus, Aegidius, Simon, Thaddaeus, Katharina, Maria Magdalena
und den Stifter zeigt und auf dem Vorderstab die Geißelung, Kreuzigung, Grab-
legung und die Noli-me-tangere-Szene bringt, verdankt ihre heutige Form zwar
dem 18. Jahrhundert, aber die noch ganz romanisch empfundenen gold-
broschierten Figuren der Stäbe gehören dem 1 5. Jahrhundert an. Ob es sich
bei diesen auch mit Goldstickerei versehenen rotseidenen Mittelstäben um ein-
heimische oder auswärtige Arbeit handelt, wird wohl kaum jemals entschieden
werden.
Sichern Boden betreten wir erst zu Anfang des 15. Jahrhunderts, zu einer Zeit
also, da in Schlesien die großen Meisterwerke der Plastik entstehen und die
Tafelmalerei einen verheißungsvollen Anfang nimmt. Steht der geradezu er-
1 Schlesische Vorzeit. N. F. VIII, 74ff. »Aus dem Nachlaß des Kanonikus Helentreuter«.
a Schlesische Vorzeit. N. F. VIII, 121 ff. »Gestrickte Teppiche des 17. und 18. Jahrhunderts«.
8 Schlesische Monatshefte 1926, Mai u. Juni, »Die schlesische Damastweberei des Rokoko«.

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