Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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Tiger aus Jade, grauweiß. Länge ig cm. Um Beginn unserer Zeitrechnung
Ausgestellt im Cernuschi-Museum, Paris Sammlung Dr. Gieseler, Paris

RUNDSCHAU
DIE CIIINA-J A D E-A U S S T E L L U N G
IN P A RIS

In der Nacht des a. April eröffnete man im
Cernuschi-Museum der Stadt Paris eine China-
Ausstellung besonderer Art, die einige Mo-
nate dauern wird. In drei Sälen sind die na-
türlichen Lichtquellen mit schwarzem Sam-
met verhängt, nur elektrische Birnen beleuch-
ten in siamesischen Schränken und geschickt
angeordneten Vitrinen den Salonschmuck der
Leute mit berühmten Namen und der Händ-
ler. Das Motiv der Schau heißt: „jade et
pierres dures.“ Die drei Säle zeigen alle Far-
ben kostbarer Steine, überreich gearbeitet,
schmeichelnd und blendend für das Auge,
kurz so, daß ganz Paris hinlaufen wird. Un-
ter diesen Arbeiten des 18. bis ao. Jahrhun-
derts befinden sich natürlich prächtige Stücke.
Aber sie haben doch nur den Zweck, die Leute
anzulocken und ihnen den Hauptsaal, den vier-
ten, zu schlucken zu geben. In diesem sind
alle dadaistischen Scherze beiseite gelassen.
Hie alten Jadearbeiten vertragen keine Auf-
machung. Dieser Teil der Ausstellung wird in
der Geschichte unserer Kenntnis asiatischer
Kunst weiterleben. Er beginnt mit Steinpro-
ben. Anfänge der Kunst zeigen die neolithi-
schen Beile. Die mächtigen Symbolformen der
vorchristlichen Zeit kann man in Europa sicher
nicht besser sehen als in der Sammlung Gie-
seler, Paris, deren Ausbreitung allein die Ver-
anstaltung rechtfertigt. Gieseler sammelt Jade
seit langem. Ihm gehört auch das vielleicht
schönste Stück, das wir überhaupt kennen
(Abb.). Tierdarstellungen sieht man erst seit

kurzem in größerer Zahl. Diese Gruppe ver-
tritt in Paris der unvergleichliche Bestand der
Kunsthandlung Loo. Von Ausländern haben
Eumorfopoulos, London und das Museum für
ostasiatische Kunst Köln ihre Vitrinen, die
sich gut in den Reichtum der Pariser Samm-
ler einfügen. Ausstellungstechnisch mag die
Anordnung nach Bezitzern bedenklich erschei-
nen, doch war sie eine Notwendigkeit durch
die doppelte Absicht der Ausstellung. Eine
Verantwortung hätte ihr verdienstvoller Lei-
ter, II. d'Ardenne de Tizac, doch nur bei den
frühen Stücken übernehmen können.
Alfred Salmony
MARIA SLAVONA
Das i858 erschienene Buch von Ernst Guhl,
„Die Frauen in der Kunstgeschichte“, verdiente
längst eine Fortsetzung in unsere Tage. Es
käme dann manche Künstlerin zu Geltung
und Ansehen, und dann erhielte auch die Ma-
lerin Maria Slavona ihre längst verdiente Wür-
digung. Zwar ist sie in Frankreich anerkannt,
in französischen Privatsammlungen und im
Luxembourg längst vertreten, zwar besitzen
die Museen von Stockholm,Lübeck, Kiel.Düs-
seldorf, Barmen Bilder ihrer Hand, aber wer
kennt trotz alledem den Kunstwert dieser be-
gabten Lübeckerin! Vor kurzem fielen in der
verdienstlichen Stillebenausstellung der Gale-
rie Matthiesen zwei Stilleben der Künstlerin
durch ihre malerische Kultur auf, und nun
bringt die Kunsthandlung Amsler u. Rut-
bardt in einem Sonderkabinett einige er-
wählte Bilder der bescheidenen Frau, die in
aller Stille ihren 60. Geburtstag feiern durfte,

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