Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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ZWEI BILDER DER ATALANTE-SAGE
VON PAUL SCHUBRING

Die beiden hier abgebildeten, höchst reizvollen Cassoni-Bilder behandeln den
Stoff der Atalante-Sage, nach Ovids Metam. X 560 und ars amandi 2, 185.
Diese Sage kommt besonders oft auf Veroneser Truhenbildern vor und wir
werden sehen, daß auch diese Bilder veronesisch sind. Vielleicht hat man in
Verona in dem Kreis, den Guarino, der große Humanist, leitete, diese Sage mit
den jungen Schwestern Julias fleißig gelesen und, vom Lehrer unterstützt, in
dem alten Märchen den Widerstreit von Keuschheit und Hingabe, von stolz
geschlossener Mädchenknospe und freudig geöffnetem Thalamos mit inniger
Anteilnahme begriffen. Ich habe es selbst erlebt, als ich mit meinen Töchtern
und deren Freundinnen Ovid las, wie die jungen Herzen staunten über die
Allgemeingültigkeit der hier klug verhüllten Lebensregeln und die edle Weis-
heit antiker Welteinstellung. Die Mehrzahl der Cassoni-Bilder ist nur zu ver-
stehen, wenn man sich den Hochzeitstag der jungen Frauen vorstellt, für den
diese Bilder gemalt wurden. Guarino war der echte Prinzen- und Prinzessinnen-
erzieher, sein bekanntester Schüler Lionello d’Este hat als Fürst die Lehren des
Alten nicht vergessen; und Isotta Nagarola, seine Mantuaner Schülerin, ver-
zichtete auf die Freuden der Ehe, um sich gelehrten Studien hinzugeben. Wie
hoch das Bildungsniveau der Frau in der Renaissance, natürlich nur in ein-
zelnen Kreisen, war, hat Burckhardt in dem verblüffenden Kapitel der Kultur
der Renaissance »Die Stellung der Frau« ausführlich geschildert.
Die Geschichte der böotischen Atalante, der Tochter des Schoeneus, war nun in
besondererWeise geeignet, den widerstreitenden Gefühlen junger Frauenherzen
Ausdruck zu verleihen, da der Sieg über die Sprödigkeit nicht einen Göttervater
benötigt, wie bei Kallisto oder Io, sondern weil der Sieger, heiße er nun Mei-
lanion oder Hippomenes, die Umworbene auf demselben Kampffeld besiegt, auf
dem sie bisher allen Freiern überlegen war. Schon die Antike hat sich in der
sogenannten »Venus des Esquilin« eine Sportfigur zauberhaftester Frische und
Elastizität geschaffen, und ähnlich ist wohl die kurzgeschürzte »Wettläuferin«
im Vatikan zu deuten. Die Renaissance hat die Geschichte nicht in Florenz,
wohl aber in Ferrara und Verona oft gemalt. Als Beispiel für Ferrara führe ich
das Bild im Berliner Kaiser-Friedrich-Museum (Nr. 113a) von Francesco Cossa
an, wo der Wettlauf Atalantes durch die drei goldenen Äpfel der Venus ent-
schieden wird. Verona hat die Sage am ausführlichsten dargestellt in den bei-
den Bildern des Rudolphinums in Prag (Cassoni Nr. 661, 662) von Domenico
Morone. Hier wird auf der ersten Tafel die Eberjagd geschildert, auf der Ata-
lante dem kalydonischen Eber die Wunde beibringt5 auf der zweiten legt die
von Meilanion überwundene Atalante Speer und Bogen auf Amors Altar nieder;
dann weihen die jungen Gatten ihren Erstgeborenen Parthenopaios den Parzen.
Eine andere Tafel bei Herrn Weinberger in Wien läßt Amor auf dem be-
zwungenen Eber reiten.
Unsere beiden Bilder behandeln das Thema wiederum ganz selbständig. Auf
dem ersten kommt Atalante aus dem Wald, den gezähmten Eber am roten
Bande führend; die Gefährtinnen aus Dianas Gefolge folgen ihr mit der Hunde-
flagge -— der Hund ist Laelaps, den später Kephalos bekommt. Die Mädchen

37 Der Cicerone, Jahrg. XIX, Heft 18

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