Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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KUNST-LITERATUR

RAIMOND VAN MAULE: THE DEVELOP-
MENT OF THE ITALIAN SCHOOLS OF
PAINTING. Vol. VII u. VIII. The Hague.
Marlinus Nijhoff, 1926 u. 1927.
In rascher Folge hat Raimond van Marie sein
groß angelegtes Werk der italienischen Male-
rei durch zwei neue Bände bereichert.
Band VII behandelt spätgotische Malerei in
Norditalien. Kapitel I enthält eine zusammen-
fassende Betrachtung über den internationalen
gotischen Stil des ausgehenden i4- und begin-
nenden i5. Jahrhunderts. Die Verwandtschaft
zwischen italienischen Künstlern und solchen
Frankreichs, Spaniens und Deutschlands wird
seit Courajod und Dworäk allgemein ange-
nommen, etwas zu sehr betont und steht auch
in van Maries Buche im Vordergründe. Es
bleibt aber eben doch die Tatsache bestehen,
daß wir aus der Zeit dieser „internationalen“
Malereien bei näherer Kenntnis sehr wohl
die einzelnen Ländergruppen, ja sogar Lokal-
schulenunterscheidenkönnen. Daß heute noch
Verwechslungen Vorkommen, beruht nur auf
gewissen Lücken der Forschung. Unter den
zahlreichen und sehr gut gewählten Abbil-
dungen, welche van Marie seinen Betrachtun-
gen beigibt, dürfte z. B. Abb.24, „Die Kreu-
zigung“ des Bachofen-Burkhard-Museums in
Basel, zu der es verwandte Stücke in Berlin
und im Wiener Privatbesitz gibt, nicht fran-
zösisch, wie die Kataloge in Basel und Berlin
angeben, sondern spanisch, und zwar katalo-
nisch sein. Zu vergleichen sind verwandte
Stücke im Museum von Barcelona.
Das 2. Kapitel behandelt Lombardei, Piemont
und Emilia. Hier konnte sich der Autor der
nach einigen Teilvorarbeiten grundlegend zu-
sammenfassenden Arbeit von Pietro Toesca
bedienen. Die überragende Bedeutung des rei-
chen Mailand in der Kunstproduktion der Zeit
um i4oo wird auch von van Marie alsTatsache
angenommen. Die Abbildungen geben vor al-
lem zahlreiche Blätter des Skizzenbuches in
Bergamo, als dessen Autor van Marie den
Giovannino del Grassi unbestritten gelten läßt,
und die Zeichenblätter in Venedig, Berlin,
Paris, sowie einige als zugehörig angenom-
mene. Bezüglich eines erwähnten, aber nicht
abgebildeten Blattes der auf kreisrunder Flä-
che dargestellten Szene des Stalles von Beth-
lehem in der Ambrosiana (S. i38), muß ich
Einspruch erheben. Nach der Übereinstim-
mung mit steirischen Bildern um 1420, ins-
besondere der Kreuzigung aus St. Peter am
Kammersberge in Graz, scheint mir diese ent-
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zückende Zeichnung österreichisch, und zwar
steirisch, aber nicht lombardisch zu sein, wie
Toesca und van Marie annehmen (abgebildet
bei Toesca Nr. 36o, Seite 452). Das von mir
(Repertorium für Kunstwissenschaft 1902,
Seite 343) zuerst in die Literatur eingeführte
„Michelinus“ bezeichnete Bild der Galerie von
Siena wird auch von van Marie als Grundlage
unserer Kenntnis desMichelino daBcsozzo ak-
zeptiert; das Rundbild der Krönung Marias im
Berliner Museum, über dessen Lokalisierung
ganz verschiedenartige Vermutungen geäußert
worden sind, versetzt van Marie, wie ich
glaube mit Recht, in die Lombardei. Die iko-
nographisch interessanten Wandmalereien in
Piemont, vor allem die von D’Ancona bespro-
chenen im Kastell von Manta und die Werke
der Emilia, Parma, Bologna, Ravenna werden
angefügt.
Tirol und Verona ist das 3. Kapitel gewidmet.
Für ersteres Gebiet sind die gründlichen Ar-
beiten Weingartners zur Grundlage genom-
men, der vorwiegend deutsche Charakter der
tirolischen Bildergruppe wird auch von van
Marie betont. Bei Betrachtung der Veronesen
spielt die Frage der Umgrenzung der künstle-
rischen Gestalt des Stefano da Verona eine
Hauptrolle. Den gemeinhin dem Künstler zu-
geteilten Zeichnungen werden noch manche
anonyme und der Schule verwandte Stücke an-
geschlossen. Das Blatt im Britischen Museum
(Fig. 201 und 202), das einen sitzenden Dogen
von seinen Räten umgeben zeigt, dürfte aber
kaum der Schule von Verona zuzuteilen sein,
sondern muß als venetianisch gelten.
Das 4- Kapitel umfaßt Venedig, Padua und
Dalmatien. Von den Venetianern werden Ja-
cobello del Fiore, zu dessen Kenntnis kürz-
lich auch Planiscig einen wichtigen Beitrag ge-
liefert hat, und Michele Giambono am breite-
sten behandelt. Ein der vemetianischen Schule
des frühen i5. Jahrhunderts zugeteiltes Ma-
donnenbild im Depot des Kaiser-Friedrich-
Museums (Fig. 224) halte ich für wesentlich
älter als van Marie glaubt. Es scheint mir so-
wie ein nahe verwandtes Madonnenbild der
Sammlung des Lord Lee of Fareham in Lon-
don eine ganz prächtige Arbeit des Paduaners
Guarionto um 1370 zu sein. Bei ikonogra-
phisch so interessanten Werken, wie der „Krö-
nung der Maria mit den Neun Chören der
Engel sowie zahlreichen Heiligen“ von Jaco-
bello del Fiore sind van Maries Ausführungen
etwas zu knapp und zu einseitig auf das Stil-
kritische eingestellt. In der wichtigen Frage
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