Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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ZUM NEUEN BAUEN

RICHARD J. NEUTRA: WIE RAUT
AMERIKA? Verlag Julius Iloffmann,
Stuttgart.
Das Ruch ist sachlich innen und außen. Pa-
pierumschlag, aber mit handfest gefügten
Blättern. Ein Buch, das zum Gebrauch ein-
ladet und nicht dazu bestimmt, als Rücken-
glänzer in einem Bücherspind zu fungieren.
Wir wissen von Amerika wenig. Mit Ästheten-
bilderbüchern, mit geknipsten Impressionen,
die rasch vergrößert auf die Seiten eines Bu-
ches hingeworfen werden, können wir wenig
mehr anfangen. Wir verlangen heute ausein-
anderlegende Kleinarbeit, genaue Querschnitte
durch den Betrieb, wenn man will, durch das
Leben. Wenn Neutra uns den komplizierten
Bauvorgang eines bestimmten Wolkenkratzers
(Palmerstonehouse in Chicago) vorlegt, in dem
die prachtvoll funktionierende, unendlich ver-
zweigte, aber orchestral ineinanderspielende
Organisation gezeigt wird, so nützt uns das
mehr, als ein Bilderbuch, das alle Wolkenkrat-
zer Amerikas enthielte.
Das Buch begehrt nicht auf, es widersetzt sich
nicht den Begebenheiten des Lebens. Es
nimmt die Haltung ein, die heute der ganzen
wirklich jungen Architektenschaft gemeinsam
ist und dieweiß, daß die Zeit für sie arbeitet,
und die Zeit für sie kommen muß. Heute
allerdings hat gerade in Deutschland die letzte
Stufe der historisierenden Architektur, das
kunstgewerblich infiltrierte Geschmäcklertum
noch Oberwasser (z. B. Höger, Fahrenkamp),
allerdings nicht mehr lange, denn die Archi-
tektur ist heute prachtvoll zwischen engste
Notwendigkeit eingezwängt: Ökonomie, Ver-
kehrsregelung, Industrialisierung, Raumbe-
schränkung. Nur durch dieses strenge Vor-
schreiben des Wachstums werden wir wieder
Schöpfungen erhalten, denen — einfach
zwangsläufig — die richtige Formung zuteil
wird. An Stelle der „Mode“ tritt „Entwick-
lung“.
Das Buch des österreichischen Architekten
Neutra ist eines der ersten, aus dem wirklich
die reinigende Wirkung des Ingenieurarchitek-
ten entgegenweht. Giedion
BRUNO TAUT: BAUEN. Der neue Wohnbau.
Klinkhardt & Biermann, Leipzig. G.— io.
Tausend.
Immer enger wird die Vorpostenkette, die
dem Neuen Bauen unaufhaltsam die Wege
öffnet. Tauts neues Buch1 ist ein nicht zu
unterschätzender Schritt dazu. Bauen geht

jedermann an. Wenigstens heutiges Bauen!
Warum? Weil es sich heute nicht nur darum
dreht, einen neuen Formkodex auszutrompeten,
der morgen wieder schimmelt, sondern vielmehr
um billigeres und besseres Wohnen, um eine
Umgestaltung von Grund auf. — Taut spricht
gerade den Laien an, dem der Beruf wenig
Zeit läßt, und veranlaßt ihn, während ein wei-
tes Anschauungsmaterial vor ihm ausgebreitet
wird, „.manches unter die Lupe zu nehmen,
das er bisher für schön und auf der andern
Seite für häßlich hielt.“ Man lernt begreifen,
wie ganz formalistisch gewordene Baugesetze
die Entwicklung hemmen oder, wie der Hei-
matschutz — Taut definiert ihn als Muckertum,
das nach Erdscholle riecht — im Grunde auf
den gleichen rein äußerlichen Ästhetizis-
men beruht wie die Stilarchitektur. Am wich-
tigsten am „Wohnbau“ ist vielleicht, wie
Taut durch kurzes Wort, Beispiel und Gegen-
beispiel den Leser langsam erkennen läßt, was
für hinfällig gewordene Vorurteile über die Ar-
chitektur in ihm unbewußt sitzen. — Die drei
Millionen neuer Wohnungen, die Deutschland
in den nächsten Jahren zu bauen hat, können
der Nachkommenschaft ganz neue Lebensmög-
lichkeiten geben, falls man funktionell an die
Aufgabe tritt. Ohne Mitarbeit von Erbauer,
Mieter, Eigentümer, ja ohne direkte Forde-
rung von dieser Seite, wird man nur sehr
Unvollkommenes erreichen. Ein Buch wie
Tauts Bauen gibt die äußerst nötigen Rich-
tungspfeile dafür in die Hand. Man lese es
mit dem Willen innerer Lockerung! Giedion
BRUNO TAUT: EIN WOHNHAUS. Stuttgart.
Franckhsche Verlagsbuchhandlung.
Nahezu gleichzeitig mit seinem „Bauen“ gibt
Bruno Taut ein zweites Buch heraus: Sein
eigenes Wohnhaus. War im „Bauen“ das Sied-
lungsmaterial als Ganzes ausgebreitet, so wird
liier ein einziges Beispiel weitgehend auf seine
funktionalen Grundlagen untersucht. Vielen
wird klar werden, daß die Begriffe ästhetisch
und praktisch sich heute auf vielfach ergän-
zenden Bahnen bewegen. Taut macht klar,
daß im hauswirtschaftlichen Betrieb kürzeste
Wege, Beschränkung der Dienstboten, der Ar-
beit, erstrebt sind. Daher keine Tapeten, keine
Vorhänge, keine Tischtücher: Abwaschbare
Tischflächen, abwaschbare Böden.
Grundgedanke: es geht gegen die Dinge, die
uns früher tyrannisiert haben, und die Kräfte
der Frau unnötig verzehrten: „Das Haus mit
allen seinen Teilen muß Besitz des Menschen
sein“ — nicht aber umgekehrt! Giedion

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