Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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EIN WIEDERAUFGETAUCHTES FRÜHWERK
TIZIANS? VON STEPHAN POGLAYEN-NEÜWALL
Zu den bekanntesten Arbeiten religiösen Genres des als Professor an der Aka-
demie San Luca (Rom) verstorbenen Luganer Kupferstechers P. Bettelini (176g
bis 1829), eines Schülers von G. Gandolfi, Bartolozzi und R. Morghen, zählt
neben den Stichen nach Schidones hl. Magdalena, der »Madonna col divoto«
von Correggio und der »Anbetung der Hirten« von A. van der Werff ein Blatt
nach einer Tizian zugeschriebenen Madonna (in der Umschrift als »mater di-
vinae sapientiae« bezeichnet) (Abb. 1). Nun ist das Original, das sich seinerzeit
in der Sammlung des Fürsten Stanislaus Poniatowski1 (1754—1853) in Rom
befand, auf dem Umweg über Paris (wo die Familie heute ihren Sitz hat) und
Wien vor kurzem in den Besitz einer Stockholmer Kunsthandlung gelangt
(Abb. 2). Daß Stich und Bild in Einzelheiten voneinander abweichen, hat bei
der Gepflogenheit der Zeit, Nachbildungen zurechtzumachen und zu versüß-
lichen, nichts weiter Befremdliches an sich. Manche Änderungen dürften sich
auch bei der Ergänzung ausgesprungener Stellen ergeben haben. Auf diese Art
erklärt sich z. B. das Fehlen des Schlagschattens der linken Buchhälfte und die
abweichende Schattenführung rechts vom Buch.
Eines der Halbfigurenbilder der »Madonna mit Kind«, wie sie in dem Werk
des jungen Tizian einen bevorzugten Platz einnehmen, ist unser Bild in Misch-
1 Neffe des letzten Polenkönigs, Großschatzmeister von Litauen, Starost von Podolien und
General der polnischen Kronarmee; seit 1804 in Wien, später in Rom, wo er eine reich-
haltige Kunstsammlung anlegte, gestorben 1833 in Florenz.

59 Der Cicerone, XIX. Jahrg., Heft 19

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