Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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ÜBER DAS WESEN DER KENNERSCHAFT
VON MAX J. FRIEDLÄNDER


Immer dieselbe Frage wird
dem »Kenner« gestellt,
die Frage, wer der Autor
des Kunstwerkes sei. Die
Verpflichtung, diese Frage
zu beantworten, bestimmt
die Betrachtungsweise
und das Verhältnis zum
Kunstwerke, fördernd so-
wohl wie schädigend.
Dieses Bild ist von dem
Meister A, weil es von
gleicher Art zu sein
scheint wie anerkannte,
gesicherte, beglaubigte
Werke von jenem Mei-
ster. So das Gerippe der
Antwort, so das Ziel des
Studiums. Als der nächste
und bequemste Weg zu
diesem Ziele scheint sich
Konfrontierung zweier
Bilder zu bieten. Das
Werk, das » bestimmt«
werden soll, neben der
unbezweifelten Schöp-
fung eines Meisters, mit
Gelegenheit zu genauer
Vergleichung: eine mehr
zuverlässige, eher Erfolg
versprechende Methode scheint es nicht zu geben. Die Vergleichung eines
Bildes mit einem anderen, worauf sich strebsame Anfänger zu versteifen pflegen,
fühi't häufig vom Ziel ab. Aus Erfahrung bin ich mißtrauisch gegen die Er-
sprießlichkeit solcher Vergleichung. Überzeugt von der Identität der Autoren
und im Eifer, Ungläubige zu meiner Meinung zu bekehren, habe ich öfters
zwei Bilder nebeneinandergestellt, zumeist mit dem Ergebnis, daß ich die
Zweifler nicht überzeugen konnte und sogar selbst in meiner Sicherheit er-
schüttert wurde.

Max Liebermann Bildnis Max J. Friedländer. Radierung
Mit Genehmigung von Paul Cassirer, Berlin

Zwei Werke von einem Meister sind ungleich aus mehr als einer Ursache, in
mehr als einem Sinne. Sie sind ungleich, weil Thema, Aufgabe, Format, Maß-
stab, Gestaltungsabsicht, Stimmung, sowie seelischer und körperlicher Zustand
des Schaffenden in jedem Fall anders waren als in jedem andern, dann aber
auch — und dies wird zumeist gar nicht beachtet —, weil jedes Bild in indi-
vidueller W eise gealtert vor uns steht. Vorausgesetzt, zwei Bilder wären ganz

47 Der Cicerone, XIX. Jahrg., Heft 23

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