Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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COURBETS »WALD VON FONTAINEBLEAU«
VON GEORG BIERMANN
1870 bedeutet im Leben Courbets Wende des menschlichen Schicksals. Der am
tiefsten in das Geheimnis der Wälder von Fontainebleau eingedrungen, der wie
kein anderer ähnlich die wogende Welle an der Westküste Frankreichs erfühlt
und künstlerisch gestaltet, wird heimatlos, vertrieben, verbannt, weil er in einem
Moment der politischen Leidenschaft unterlag, das heiße Flerz voll Tatendrang
nicht zähmen konnte.
Dieser stärkste Anreger der europäischen Kunst zwischen 1860 und 1870,
dessen Einflüsse, zumal in Deutschland, historisch nicht mehr wegzuleugnen
sind, der die noch in der Ateliertradition befangene Barbizon-Schule der Millet,
Daubigny kraftvoll zum wirklichen Erleben der Realität fortgeführt hat, dessen
Pinsel »ehern« malte wie der Meißel eines Bildhauers, ist in dem Jahr, da er
Frankreich verlassen mußte, in seiner Heimat fast noch unbekannt. Heute mag
ihn kein europäisches Museum mehr missen, ja die Zahl der noch im Handel
befindlichen Bilder von innerlich großem Format wird täglich geringer, seit er
auch jenseits des Ozeans zu den bevorzugten Künstlern in amerikanischen Samm-
lungen zählt.
Trotz der durch die politischen Ereignisse erregten Weltstimmung ist das Jahr
1870 eines der fruchtbarsten im Werke von Courbet gewesen. Es ist das Jahr,
das die berühmten »Wellen« (im Louvre, im Staedel u. a. O.) entstehen sah,
dazu die herrlichen Stilleben, von denen die Pinakothek eines besitzt, und meh-
rere Bilder, die Courbet direkt in Fontainebleau gemalt hat, unter denen das
hier Abgebildete eines der malerisch vollwertigsten seines gesamten Oeuvres ist.
Dieses Bild hat die Corot-Tradition in sich. Weicher in der Handschrift als
andere Gemälde des Meisters, umgreift es die Natur mit einem sanften Piano
des künstlerischen Gefühls. Haydnsche Melodik, die zwischen Licht, Schatten
und fernem Ausblick in Unendlichkeit die malerische Gegenseitigkeit in Klän-
gen rhythmisch bindet. Hier erleben wir wieder einmal diesen Courbet als
Dichter! Der ist er zeitlebens gewesen. Ein ganzer Kerl voll vom Drang des
Blutes und voll vom Esprit seiner Rasse.

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