Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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VON ALBERT DREYFÜS

CLAUDE MONET f
In dein hier abgebildeten Gemälde »Terrasse in Havre«, das Claude Monet als
Sechsundzwanzigjähriger1 schuf, spürt man den ganzen Auftrieb seines Genies.
Die im Wind klatschenden Fahnen, die auf dem Meer tanzenden Schiffchen,
die zwischen Blumen promenierenden eleganten Damen und Herren über-
mitteln die festliche Erregung, mit der Monet dieses Stück Gesichtsfeld aus-
schnitt. Ein Künstler, den ein Natureindruck mit so vehementer Freude er-
füllte, mußte aus Notwendigkeiten seines Temperamentes heraus, abgesehen
von den historischen Bindungen, den trüben Atelierton aus seinen Landschaften
herauswerfen, mußte Pleinairist werden.

Lyrische Gehobenheit schließt einheitlich das Lebenswerk Monets zusammen:
die Grundstimmung jeder Arbeit ist das durch das Licht in die Welt gebrachte
Glück. Danach erst wird man den einzelnen Phasen in Monets Entwicklung
und dem technischen Ringen um die Wiedergabe des Lichts nachforschen und
sich überlegen, ob man den Frühbildern, wo er noch »an die Pforte klopft«,
oder den Seinelandschaften oder den Schobern oder den Londoner Nebelbildern
oder den Kathedralen oder den letzten Seerosenstücken, wo nur noch flimmern-
des Licht und Himmelsreflexe im Wasser gemalt sind, den Vorzug gibt.

»Die Terrasse in Havre« gleicht einer herrlichen Frucht, mit einer noch
dunklen Schale, die nur aufgebrochen zu werden braucht, um ihre hellen alle
Keimkraft in sich schließenden Kerne auszuschütten.
Oder auch: in dieser Landschaft ist gleichsam das Flugzeug angekurbelt, das
Monet hoch dem Licht entgegentragen sollte wie keinen vor ihm. Und Monet
ist keine Phaetonsnatur wie van Gogh, der der Sonne mit ungezügelten Rossen
nahekommend abstürzt. Monet hat seine Maschine und seine Nerven in der
Gewalt, ist jedem Gegenwind gewachsen. Er setzt sich genau auf dem Fleck
nieder, den er aus der Höhe erspähend zur Landung bestimmt. Anders gesagt:
Monet ist es gelungen, seine Vision restlos zu »realisieren«, und das hat Cezanne,
dessen Netzhautempfindlichkeit zu groß war, um oft zu der ihm genügenden
Lösung eines Problems zu gelangen, zeitlebens einen bis zur Angst sich stei-
gernden Respekt vor Monet eingeflößt.

Man hat Monet dadurch herabzusetzen versucht, daß man sagte, er sei nur
Landschafter; die Großen in der Kunst hätten vor allem Figuren und Akte dar-
gestellt. Ja, Monet war nichts als Landschafter, und er hat als Wechselspiel von
Licht und Luft und Gegenstand landschaftartig auch seine Stilleben und sehr spär-
lichen Figuren gemalt, so wie Renoir Akte und Landschaften gleich Rosen und
Früchten behandelte. Einem Vertranten, der Monet einmal fragte, warum er
nie einen Akt gemalt habe, antwortete er freilich: »Ich habe es nie gewagt.«
Der Künstler, der nie gewagt hat, Akte zu malen, ist der umstürzlerischste
Maler seiner Zeit gewesen. Und sind nicht am Ende seine Landschaften wie
Akte gemalt? Für Monet besaßen alle Dinge im Licht eine lebendige Haut. . .
1 Auch von 1866 und ähnlich wichtig für Monets Entwicklung ist das Straßenbild
»St. Germain L’Auxerrois«, auf dessen Besitz die Nationalgalerie stolz sein kann. Es
verdiente wahrlich einen günstigeren Platz im Kronprinzenpalais.

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