Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 19.1927

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RUNDSCHAU

DIE ERWERBUNGEN DER JUSTUS
BR ING K MANN-GESELLSCIIAFT'
Als Justus Brinckmann vor einem Menschen-
alter seinen zu einem Kompendium für das
alte Kunstgewerbe ausgewachsenen zweibändi-
gen „Führer“ durch das hamburgische Muse-
um für Kunst und Gewerbe herausgab, ge-
brauchte er in der Einleitung nach dem Hin-
weis auf die zukünftige Notwendigkeit kultur-
geschichtlicher Aufstellung die Worte: „Man
wird ferner davon zurückkommen, jener künst-
lichen und dem Leben fremden Scheidung cler
Kunst vom Kunstgewerbe, die früheren Zeit-
altern unbekannt war, amtliche Weibe zu er-
theilen.“
Es muß daher im Sinne Brinckmanns sein,
wenn sein Nachfolger Max Sauerlandt mit den
Beiträgen der vor fünf Jahren ihm zum Ge-
dächtnis ins Leben gerufenen „Justus Brinck-
mann-Gesellschaft“ jenen der damaligen Zeit
vorausgreifenden Gedanken und Wünschen
nachzukommen versucht.
Die Aufstellung dieser rund 200 Neuerwer-
bungen läßt zwar alle großen Kulturen zu
Wort kommen, vorzugsweise jedoch sind die

Lücken im alten Bestand des Museums so aus-
gefüllt, daß das einzelfigürliche Bildwerk die
bisher überwiegenden Reihen von Gefäßen
und Geräten belebend und steigernd unter-
bricht. Dies, und das Bestreben, uns Heutigen
Wertvolles und Problematisches zur Diskus-
sion zu stellen, gibt den im Hinblick auf ihre
Entstehung auf sechs Jahrtausende und die
alte Welt auseinanderfallenden Gegenständen
einen bestimmten Zusammenhang, läßt sie im
gleichen Raum als eigene Sammlung erschei-
nen. Zur Andeutung der Etappen und Ansatz-
punkte sei hervorgehoben, daß frühchinesische
hanzeitlic.be Jadeschnitzereien nicht aus äuße-
ren Gründen neben sarmato-skythischen Bron-
zetierchen stehen und jene mit den prädyna-
stischen altägyptischen Schmuckpaletten in
Tierform des Nachbarschrankes ein Zusam-
menhang verbindet, der nicht durch Wechsel-
beziehungen, sondern die gleichen Urfor-
men menschlicher Kultausübungen erklärbar
scheint.
Während Ägypten eine beispiellose künstleri-
sche Blütezeit erlebte, wie das Relief des Pta-
hotep verkündet, müht sich die griechische


Attische Terrakottafigur: Nacktes gelagertes Mädchen
Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe

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